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Und sie sah hinab

„Und sie sah in den Brunnen hinab…"

Zwei nebeneinandergesetzte Fassungen desselben Motivs, getrennt durch eine dünne gelbe Linie: eine Topfpflanze mit buschigem Blattwerk, links dunkelblau vor violettem Grund mit einem hellen rosa Rechteck davor, rechts violett-rosa vor leuchtendem Blau mit weißen Umrisslinien und einem kleinen türkisen Fleck; oben und unten läuft ein gelber Streifen.
Und sie sah in den Brunnen hinab…

Und sie sah in den Brunnen hinab, wie jeden Abend nach dem Abräumen, mit dem Geschirrtuch noch über der Schulter.

Der Brunnen liegt hinten im Hof, hinter dem Holzstapel, ein Schacht von achtzig Zentimetern, gemauert, mit einem Deckel aus zwei Eichenhälften. Die eine Hälfte klemmt und muss angehoben werden, die andere schiebt sich. Das Wasser steht vier Meter tief und riecht nach nichts.

Gebraucht wird er nicht. Seit dem Anschluss an die Leitung geht das Wasser durch Rohre ins Haus, kalt und ohne Eimer. Die Kette hat sie trotzdem geölt, im März, mit Nähmaschinenöl, und den Eimer neu verzinkt bekommen.

Auf dem Rand steht ein Topf mit einer Hortensie, die zu groß für ihn geworden ist. Von oben sieht man sie zweimal: einmal richtig herum, das Blattwerk gegen den hellen Himmel, und einmal unten im Schacht als dunkle Kugel auf einer hellen Scheibe. Die Scheibe ist das Wasser, das den Himmel spiegelt, und in der Scheibe steht ihr Kopf, klein, ohne Gesicht, weil dafür das Licht fehlt.

Sie hat sich angewöhnt, so lange zu warten, bis die Fläche glatt ist. Das ist nicht immer schnell. Vom Mauerwerk tropft es alle paar Sekunden, und jeder Tropfen macht einen Ring, der einmal ganz herumläuft und zurückkommt. Bei windigem Wetter dauert es länger. Sie geht erst, wenn es steht.

Der Enkel hat im Sommer einen Kiesel hineingeworfen, um die Tiefe zu hören, drei Sekunden ungefähr, und er hat sich nichts dabei gedacht. Sie hat ihn ins Haus geschickt und siebzehn Minuten am Rand gestanden. Danach war die Fläche wieder wie vorher, dieselbe Kugel, derselbe kleine Kopf, und sie hat den Deckel zugeschoben und ist essen gegangen.

Was sie dort sucht, hat sie nie jemandem erklärt, und es hat auch nie jemand gefragt. Sie stellt den Topf zurück, legt die klemmende Hälfte auf, tritt einmal mit dem Absatz dagegen, damit sie sitzt, und geht über den Hof zurück. Rechts führt eine Treppe in den Keller, wo die Eimer stehen. Geradeaus liegt der Hof, den sie nie bepflanzt hat, nichts als Kies, weil man dort dann auch nichts falsch machen kann.

Schacht 80 cm · Wasserstand 4 m · Deckel Eiche, zweiteilig · Wartezeit variabel