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Eintrag 214 · rechte Schläfe · mittel

Denkschmerzen

„Denkschmerzen"

Digitale Collage: vor violettem Grund steht eine große rote Pyramide mit heller Kante, rechts daneben eine graue Scheibe mit einem schwarzen Kreis darin, links ein gelbes Band und ein weiß gesprenkeltes schwarzes Feld. Rechts oben ein buntes Kachelraster mit geschwungenen Farbbändern, rechts unten ein oranges Feld mit magentafarbenen Rechtecken, im Vordergrund waagerechte graue, blaue und rote Streifen mit weißen Linien.
„Denkschmerzen"

Angefangen hatte es mit einem Heft. Karierte Seiten, links das Datum, in der Mitte die Stärke von eins bis zehn, rechts eine breite Spalte für das, was vorher gewesen war. Die Ärztin hatte das Heft empfohlen und dazu gesagt, man finde so den Auslöser. Ricarda führte es seither, mit Bleistift, weil sich Einträge manchmal korrigieren ließen.

Der erste Auslöser war Rotwein, das war leicht. Dann Käse. Dann Wetterwechsel, dann Schlaf nach zehn und Schlaf vor sechs, dann das kalte Leitungswasser aus dem Hahn im Bad, dann der Sonntag als ganzer Tag. Jeder neue Eintrag war eine Erleichterung, denn ein Schmerz mit Ursache ist ein Schmerz mit Griff. An der Kühlschranktür hing die Liste, mit Magneten, vier Stück, weil das Papier unten wellte:

Blau-weiß bemaltes Fayencegefäß in Turmform: mehrere sich nach oben verjüngende Etagen, aus denen ringsum kurze Tüllen ragen, auf einem Sockel mit gemalten Figuren in Bogenfeldern, auf vier Füßen stehend.
Steht auf der Kommode. Für Blumen ist sie nie benutzt worden.

Über dem Kopfkissen hing seit dem Frühjahr eine kupferne Pyramide an drei Nylonfäden, gekauft von einer Frau, die auf dem Markt einen Klapptisch hatte und leise sprach. Ricarda glaubte nicht daran. Sie hängte sie trotzdem auf, weil Nichtglauben kein Grund ist, etwas nicht zu tun, das nichts kostet außer drei Nägeln. Die Nächte unter der Pyramide waren besser. Sie notierte das im Heft, in Klammern, und die Klammern waren ihre ganze Skepsis.

Die Vorhänge kamen im Sommer dazu, doppelt gefüttert, dunkelviolett, weil Schwarz sie bedrückte. Dann die Ohrstöpsel aus Wachs, dann das Magnesium, dann die Regel, freitags niemanden einzuladen. Ihre Wohnung war inzwischen ein sorgfältig eingestellter Apparat mit ihr darin. Die Anfälle waren dieselben geblieben, zwei bis drei die Woche, aber sie kamen jetzt begründet, und das war ein Unterschied, den sie niemandem erklären konnte, ohne dass es dünn klang.

Im Oktober wartete sie an der Ampel und sah sich in der Scheibe des Reisebüros. Das Fenster war schlecht beleuchtet, und was zurücksah, war ein Gesicht in Flecken, in Türkis und Rot zerlegt von der Leuchtreklame dahinter. Sie erschrak nicht. Sie dachte: schlechtes Licht, das ist ein Auslöser, den ich noch nicht habe.

Zu Hause holte sie das Heft, spitzte den Bleistift über dem Mülleimer und schrieb in die rechte Spalte: Neonlicht, kalt, flackernd — meiden. Dann zog sie den Vorhang zu und legte sich hin, und der Schmerz saß über dem rechten Auge wie immer und hatte jetzt einen Namen.

Ende · Heft zugeklappt, Bleistift daneben

Vier Magneten · Liste: fünf Zeilen · Platz für weitere