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Küche · nachts · geriffelter Rand

Münze

Man wirft sie, um zu erfahren, was man will. Danach ist man klüger und wirft trotzdem weiter.

Kreidestudie auf graublauem Papier: der Rumpf einer Gestalt in langem, geknöpftem Rock mit Gürtel, ein Arm angewinkelt, die Hand zur Faust geschlossen; darunter noch einmal in Rötel eine Hand mit gerüschter Manschette, die einen schräg nach unten laufenden Stock umfasst.
Zwei Hände, dieselbe Hand. Eine hält etwas fest, die andere ist leer und weiß es noch nicht.

Der Brief lag geschrieben neben dem Salzstreuer, gefaltet, ohne Umschlag. Zwei Möglichkeiten, einwerfen oder liegenlassen, und er hatte drei Abende gebraucht, um festzustellen, dass es für beide gleich gute Gründe gab. An dieser Stelle, heißt es, hilft eine Münze.

Sie lag in der Hosentasche, schwerer als nötig, mit geriffeltem Rand, auf der einen Seite ein Vogel, auf der anderen eine Zahl. Vogel heißt einwerfen, sagte er in die leere Küche, Zahl heißt liegenlassen. Er sagte es laut, damit es galt.

Runde flache Scheibe aus hellem, ockerfarbenem Stein mit Resten roter Farbe: im Relief ein frontales Gesicht mit breitem Kopfschmuck und ausgebreiteten Federflügeln, links und rechts zwei kleine hockende Gestalten, ringsum ein Band aus Spiralhaken; nahe dem Rand vier durchgehende Löcher.
Eine Seite. Über die andere lässt sich von hier aus nichts sagen.

Der erste Wurf ging hoch, bis knapp unter die Lampe. Irgendwo dort oben, im Umkehrpunkt, wo eine Münze eine Achtelsekunde lang steht, wusste er, dass er Zahl wollte. Nicht, dass er sich für Zahl entschied. Er stellte es fest, so wie man feststellt, dass man friert.

Sie schlug auf das Wachstuch, hüpfte einmal und zeigte den Vogel. Er sah den Vogel an. Dann sagte er: zwei aus drei.

Zahl. Damit stand es eins zu eins, und er nickte, als hätte sich etwas bestätigt, das er nie ausgesprochen hatte.

Vogel. Zwei zu eins, der Brief war unterwegs, jedenfalls nach der Regel, die er vier Minuten zuvor selbst aufgestellt hatte. Er prüfte die Regel und fand sie schwach: bei zwei aus drei hänge zu viel an einem einzigen Wurf. Drei aus fünf sei sauberer, das wisse jeder.

Zahl. Zahl. Drei zu zwei für Liegenlassen, entschieden sogar nach der strengeren Regel. Er hätte hier aufstehen und schlafen gehen können.

Stattdessen fiel ihm ein, dass die Zuordnung von Anfang an verkehrt herum gewesen war. Ein Vogel sitzt, dachte er, ein Vogel bleibt; eine Zahl dagegen ist eine Auskunft und will weitergegeben werden. Er drehte die Bedeutungen um und begann die Zählung von vorn, denn eine Zählung, in der die Seiten unterwegs ihren Sinn tauschen, ist nichts wert.

Danach ging es schneller. Der Daumennagel hatte gelernt, wie viel Kraft nötig ist, damit die Münze sauber steigt und nicht taumelt. Er warf im Stehen, dann im Gehen zwischen Tisch und Fenster, dann ohne hinzusehen, weil das Hinsehen den Wurf störte. Griff, Wurf, Fang. Es war die erste Sache seit Tagen, die er gut konnte.

Einmal hielt er inne und überlegte, ob die Münze überhaupt gerecht sei; der Vogel war erhaben geprägt, das macht Gewicht. Er wog sie auf dem Zeigefinger, kam zu keinem Ergebnis und warf weiter, jetzt allerdings unter dem Vorbehalt, dass alles Folgende vorläufig war.

Einen ließ er so hoch gehen, dass er ihn aus den Augen verlor, und hörte ihn zweimal aufschlagen, ohne zu wissen, wo.

Zwischendurch fing er sie und schlug sie auf den Handrücken und ließ die Hand liegen. Probewurf, sagte er. Er machte mehrere Probewürfe. Bei einem zählte er bis dreißig, bevor er die Hand hob, und in dieser halben Minute war die Küche sehr still und er sehr zufrieden.

Der Wurf, der die Sache beendete, war ein schlechter. Die Münze traf die Kante der Zuckerdose, sprang flach zur Seite, lief über die Fliesen und verschwand unter dem Kühlschrank.

Er holte die Taschenlampe vom Sicherungskasten und einen Kochlöffel aus der Schublade und legte sich auf den Bauch. Unter dem Kühlschrank war es warm und staubig. Er fischte zwanzig Minuten, erst mit dem Löffel, dann mit dem Stiel, zuletzt mit einem Draht, den er sich zurechtbog, und war dabei so ruhig wie seit Tagen nicht. Er dachte kein einziges Mal an den Brief. Er dachte an den Winkel des Drahtes.

Herauskamen vier Münzen. Seine, mit dem Vogel, und drei weitere, verschieden groß, alle grau.

Er wischte sie am Hosenbein ab und legte sie der Größe nach nebeneinander auf das Wachstuch. Die schwerste lag rechts. Er nahm sie auf, prüfte mit dem Daumennagel die Riffelung und fand, dass sie besser in der Hand lag als seine eigene: älter, glatter, unparteiischer.

Der Brief lag noch immer neben dem Salzstreuer.

Er sagte die Zuordnung noch einmal laut, langsam und diesmal endgültig, und warf.

Kupferstich auf rauem grauem Papier mit ausgerissener rechter Kante: ein magerer, barfüßiger Mann, nur in ein loses Tuch gewickelt, geht vor einer niedrigen Ziegelmauer entlang, links und rechts ein dünnes kahles Bäumchen, zwei kleine Hunde beschnuppern seine Beine; oben rechts ein runder dunkler Stempelabdruck; im Schriftfeld unten steht MISERO.
Er hat alles abgegeben und trotzdem noch etwas dabei. Oben rechts, kreisrund, aufgedrückt: die Instanz, die entschieden hat.