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Fensterbrett Küche · Süden · Untersetzer von einem Topf, den es nicht mehr gibt

Sonnenblume

„sonne blume"

Weich gemaltes Bild im Hochformat: oben eine große leuchtend gelbe Scheibe mit einem helleren Ring in der Mitte, aus der spitze orangefarbene Zacken nach allen Seiten strahlen. Der Grund ist an den oberen Ecken rosa, an den Seiten türkis, unten wirbelt es grün und blau.
sonne blume

Die Sonnenblume stand für zwei Euro neunundneunzig im Eimer vor dem Supermarkt, im Topf, mit einem Plastikstecker, auf dem steht, sie brauche viel Licht.

Zu Hause bekam sie das Fensterbrett in der Küche, Südseite, und einen Untersetzer aus dem Schrank.

Am dritten Tag stand sie schief. Nicht gekippt, gedreht: Der Kopf hatte sich zur Scheibe gewendet, und was ins Zimmer zeigte, war der Rücken. Grün, behaart, die Blätter flach dagegen gelegt.

Er hat den Topf umgedreht. Das dauert eine Sekunde, und man muss dabei die Erde nicht anfassen.

Am nächsten Morgen stand sie wieder am Fenster. Er hat wieder gedreht. So ging das eine Woche, dann hat er es auf den Abend verlegt, damit sie über Nacht Zeit hat und morgens richtig steht. Sie stand morgens richtig und mittags wieder falsch.

Er hat nachgelesen, dass das aufhört, sobald die Blüte offen ist; dann bleibt der Kopf stehen, wo er ist, meistens nach Osten. Er hat also gewartet. Die Blüte ging auf, gelb, mit einem helleren Ring innen um die Mitte, und blieb, wo sie war: am Fenster.

Als seine Schwester zu Besuch war, hat sie gefragt, warum die Blume verkehrt herum stehe. Er hat gesagt, die Blume stehe richtig herum, das Fenster sei auf der falschen Seite.

Eine einfache Lösung gäbe es. Der Tisch steht direkt vor dem Fenster; man stellt den Topf auf den Tisch, dann sieht man die Blume von der richtigen Seite und die Scheibe dahinter, und die Sache ist erledigt. Auf dem Tisch liegen Post, ein Ladekabel und ein Gerät, das er noch zurückgeben will. Man könnte den Topf natürlich auch ganz woanders hinstellen.

Abends, wenn die Sonne über den Garagen weg ist, steht der Himmel dort rosa, und die Scheibe wird türkis von der Reklame der Tankstelle. In dem Licht sieht man ohnehin nur den Umriss, und der Umriss ist von beiden Seiten derselbe.

Nach drei Wochen wurde der Stiel oben weich, der Kopf zog nach unten, und die Blüte sah in den Untersetzer. Er hat einen Bambusstab aus dem Keller geholt, eine Handbreit länger als der Stiel, und ihn mit zwei Streifen Kreppband befestigt, weil sich kein Bindfaden fand. Das hält.

Jetzt steht sie gerade und sieht nach vorn, in die Küche, mit dem Rücken zum Licht.

Gießen: alle zwei Tage, ein halber Becher · Standort: hell · Drehungen bis hierher: neununddreißig