≈ Ungefähr
Messreihe · Toleranz mitgeführt
„Ungefähr" ist die genaueste Angabe, die zu haben ist, und sie hat den schlechtesten Ruf. Wer sagt ungefähr zwanzig, gibt zwei Auskünfte: eine über die Sache und eine über die eigene Sicherheit. Wer zwanzig sagt, gibt nur eine, und unterschlägt dabei die wichtigere.
Jede Messung hat eine Toleranz. Das ist keine Schwäche des Messenden, sondern eine Eigenschaft des Messens. Wer sie weglässt, hat nicht genauer gemessen, er hat nur weniger aufgeschrieben.
| Gegenstand | Angabe | Toleranz | tatsächlich |
|---|---|---|---|
| Entfernung zum Bahnhof | 10 min | ± 6 | 17 min |
| Restarbeit am Vorhaben | 2 Tage | ± 400 | offen |
| Gelesene Seiten | 120 | ± 118 | 4 |
| Anwesende beim Vortrag | viele | ± viele | 7 |
| Eigenes Alter | exakt | ± 0 | stimmt |
Die einzige Zeile ohne Toleranz ist die einzige, die niemanden interessiert.
Drei Geräte, drei Genauigkeiten, und keines misst das, wonach man eigentlich gefragt hat. Das ist kein Mangel der Geräte. Es ist der übliche Abstand zwischen dem, was gemessen wird, und dem, worum es geht.
Man kann daran ablesen, wofür Genauigkeit taugt. Sie funktioniert tadellos bei allem, was ohnehin feststeht, und versagt vollständig bei allem, was man noch tun müsste. Deshalb ist die genaueste Zahl im Leben der meisten Menschen ihr Geburtsdatum, und die ungenaueste ist der Zeitpunkt, zu dem sie anfangen wollen.
Das Wort, mit dem diese Ungenauigkeit gern verkleidet wird, lautet bald. Es ist ein „ungefähr" ohne Toleranzspalte und deshalb die unaufrichtigste Messung überhaupt: eine Angabe, die so tut, als wäre sie eine.
Wer das ernst nimmt, hört auf zu antworten und fängt an zu fragen, was hier eigentlich gemessen werden soll. Meistens stellt sich heraus, dass gar nichts gemessen werden sollte, sondern nur etwas verschoben.
Und dann steht man wieder vor einer Spalte, in der etwas mitgeschrieben wird, das man ebensogut hätte tun können. Es gibt keinen Ausgang aus dieser Buchhaltung, es gibt nur die nächste Zählung, die diesmal bestimmt zu etwas führt.