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Ungefähr

Messreihe · Toleranz mitgeführt

„Ungefähr" ist die genaueste Angabe, die zu haben ist, und sie hat den schlechtesten Ruf. Wer sagt ungefähr zwanzig, gibt zwei Auskünfte: eine über die Sache und eine über die eigene Sicherheit. Wer zwanzig sagt, gibt nur eine, und unterschlägt dabei die wichtigere.

Jede Messung hat eine Toleranz. Das ist keine Schwäche des Messenden, sondern eine Eigenschaft des Messens. Wer sie weglässt, hat nicht genauer gemessen, er hat nur weniger aufgeschrieben.

Angaben derselben Person, an einem Tag erhoben
Gegenstand Angabe Toleranz tatsächlich
Entfernung zum Bahnhof10 min± 617 min
Restarbeit am Vorhaben2 Tage± 400offen
Gelesene Seiten120± 1184
Anwesende beim Vortragviele± viele7
Eigenes Alterexakt± 0stimmt

Die einzige Zeile ohne Toleranz ist die einzige, die niemanden interessiert.

Achteckige Sonnenuhr aus Silber: auf der Platte drei gestaffelte Stundenskalen mit römischen Ziffern, oben ein eingelassener Kompass mit Nadel und Windrose, in der Mitte ein aufgeklappter dreieckiger Zeiger.
Gerät 1Drei Skalen, ein Kompass, ein Zeiger. Angabe: exakt. Toleranz: der Breitengrad, die Neigung der Platte und die Wolke.
Halbkugelige Porzellanschale, außen dunkelblau und fein gesprenkelt glasiert, innen weiß, auf grauem Grund.
Gerät 2Geführt als Würfelschale. Zu sehen ist eine Schale. Die Würfel sind die Angabe, die niemand mit Toleranz versehen hat.
Fotografie zweier schlanker Steinsäulen mit reich geschnitzten Kapitellen in einem hellen Innenhof, darunter eine Zeile mit gedruckten Inventarnummern.
Gerät 3Abakus heißt hier die Deckplatte über dem Kapitell, nicht das Rechenbrett. Wer nur die Angabe liest, zählt jahrelang an der falschen Stelle.

Drei Geräte, drei Genauigkeiten, und keines misst das, wonach man eigentlich gefragt hat. Das ist kein Mangel der Geräte. Es ist der übliche Abstand zwischen dem, was gemessen wird, und dem, worum es geht.

Man kann daran ablesen, wofür Genauigkeit taugt. Sie funktioniert tadellos bei allem, was ohnehin feststeht, und versagt vollständig bei allem, was man noch tun müsste. Deshalb ist die genaueste Zahl im Leben der meisten Menschen ihr Geburtsdatum, und die ungenaueste ist der Zeitpunkt, zu dem sie anfangen wollen.

Das Wort, mit dem diese Ungenauigkeit gern verkleidet wird, lautet bald. Es ist ein „ungefähr" ohne Toleranzspalte und deshalb die unaufrichtigste Messung überhaupt: eine Angabe, die so tut, als wäre sie eine.

Wer das ernst nimmt, hört auf zu antworten und fängt an zu fragen, was hier eigentlich gemessen werden soll. Meistens stellt sich heraus, dass gar nichts gemessen werden sollte, sondern nur etwas verschoben.

Und dann steht man wieder vor einer Spalte, in der etwas mitgeschrieben wird, das man ebensogut hätte tun können. Es gibt keinen Ausgang aus dieser Buchhaltung, es gibt nur die nächste Zählung, die diesmal bestimmt zu etwas führt.