Zum Inhalt

Zahn

Er hält keine Vorträge. Er hat einen einzigen Satz, und den sagt er nachts um vier.

Ein gebogener, elfenbeinfarbener Zahn liegt vor schwarzem Grund; seine ganze Außenseite ist in Bändern beschnitzt, dazwischen laufen dunkel eingelegte Zweiglinien, und in den Feldern sitzen kleine Figuren und Tiere in Reliefform.
Jemand hat einem Zahn eine ganze Erzählung eingeschnitzt. Der Zahn hält sich weiterhin an seinen einen Satz.

Der Zahn erzieht besser als jede Einsicht, weil er nichts erklärt. Er stellt keine Bedingungen und macht keine Vorschläge; er wartet, bis Sie etwas Kaltes trinken, und dann ist der Unterricht vorbei, bevor er begonnen hat. Sie werden ihn nie wieder infrage stellen.

Interessant ist die Reihenfolge. Alle Vorsätze zur Zahnpflege entstehen nach dem Schmerz, nie davor, und sie halten genau so lange, wie die Erinnerung frisch bleibt. Danach gilt wieder die alte Ordnung, und die alte Ordnung ist bequem. Das ist keine Schwäche, das ist ein Verfahren.

Deshalb ist er die einzige Regel im Haus, die ohne Aufsicht funktioniert. Alle anderen brauchen jemanden, der sie durchsetzt; diese setzt sich selbst durch, unbestechlich, ohne Ausnahmegenehmigung, und auf die Frage warum eigentlich antwortet sie nur, indem sie ein weiteres Mal zieht.

Vier bräunliche Papierbögen liegen aneinandergelegt auf grauem Grund; darauf ist in blassen Federstrichen ein Skelett verteilt gezeichnet: oben links der Brustkorb im Profil, in der Mitte Wirbelsäule und Becken, unten und rechts die Beinknochen.
Der Bauplan, auf vier Bögen verteilt. Der Zahn kommt darin nicht vor.

Insofern ist er der ehrlichste Vertreter der ganzen Anordnung: kein Gremium, keine Begründung, keine Widerrede — und trotzdem der Einzige, auf den Sie tatsächlich hören.

Ein Knochen mit Nerv darin. Das ist keine Metapher, das ist der Bauplan, und er erklärt das gesamte Verhalten.