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Zuhörer

nickt · sieht Sie an · ist woanders

Er sitzt Ihnen gegenüber, hält den Blick, neigt den Kopf leicht nach rechts und sagt an den passenden Stellen hm. Er macht das gut. Er macht das seit acht Minuten, und seit sieben davon hört er nichts mehr.

Zuhören und die Zeichen des Zuhörens sind zwei getrennte Fertigkeiten, und nur eine davon wird geprüft. Die Zeichen kann man lernen, sie bestehen aus vier Bewegungen und drei Lauten. Wer sie beherrscht, kann einer Erzählung zwanzig Minuten lang beiwohnen und danach ehrlich sagen, er sei die ganze Zeit dabei gewesen.

„…und dann hat sie gesagt, das ginge so nicht weiter."

[zustimmendes Geräusch]

„Und was hältst du davon?"

[längere Pause] [Kopfneigung] [hm]

Tuschmalerei auf rundem Seidenfächer: ein Mann sitzt unter einer Kiefer vor einem niedrigen Tisch mit einer langen Brettzither, ihm gegenüber sitzt ein zweiter Mann, daneben steht ein Junge mit einem Tuch.
Einer spieltEiner hört zu, einer hält das Tuch. Bei genau einem der drei lässt sich hinterher überprüfen, was er getan hat.
Kupferstich: ein Prediger steht mit erhobenem Arm auf einem Felsen in einer Waldlandschaft; um ihn her lagert eine Menge, viele sitzen oder liegen am Boden, einige sind ihm zugewandt, andere sitzen mit dem Rücken zum Betrachter.
Alle hören zuBei dieser Menge ist die Kopfneigung nicht mehr zu überprüfen. Deshalb sind alle gekommen.
Ölgemälde: ein Mann mit breitkrempigem schwarzem Hut sitzt auf einer grünen Holzbank, singt mit offenem Mund und greift in die Saiten einer Gitarre; am Boden stehen ein roter Krug und zwei Zwiebeln.
Niemand im BildEr singt, seit ihn jemand gemalt hat. Wer zuhört, steht außerhalb des Rahmens und muss nichts belegen.

Böse ist das nicht. Es ist Selbstschutz. Wer wirklich zuhört, riskiert, etwas zu erfahren, das die eigene Einteilung der Welt stört, und dann müsste man umräumen. Ein Mensch bleibt am zuverlässigsten so, wie er ist, wenn er andere sprechen lässt und dabei an jemanden denkt, den er nie erwähnt.

Sie merken es an einer einzigen Stelle: wenn Sie mitten im Satz aufhören. Ein echter Zuhörer fragt nach. Der andere nickt weiter, weil das Nicken auf die Pause programmiert war und nicht auf den Inhalt.

Was Sie ihm eigentlich sagen wollten, sagen Sie ihm dann später, schriftlich, sorgfältig formuliert, und schicken es nicht ab. Oder Sie stehen auf, mitten im Gespräch, und gehen irgendwohin, wo geredet wird, ohne dass jemand gemeint ist.

Rückfrage nach Gesprächsende: „Wie war noch mal der Name?"