Halbe Höhe · Podest zwischen zwei und drei
Akt
Zwölf Scheiben, die nicht zusammenpassen, und ein Bauabschnitt, für den kein Termin vorgesehen ist.
Das Fenster im Treppenhaus der Nummer 14 sitzt zwischen dem zweiten und dem dritten Stock, auf halber Höhe, und besteht aus zwölf Scheiben, die nicht zusammengehören: zwei gelbe, ein oranges Dreieck, drei rote in verschiedenen Rottönen, unten links ein Streifen Türkis, der Rest violett und blau. Ein Glaser hatte Reste, das Haus brauchte ein Fenster, so kam beides zusammen. Wer die Treppe hinaufgeht, sieht daran nichts. Wer stehen bleibt, schon.
Ludewig wohnt im vierten Stock, links, und weiß seit langem, dass die Sonne an klaren Tagen zwischen 15:41 und 15:53 so steht, dass das Fenster seine Farben auf die gegenüberliegende Wand legt: ein Rechteck mit hellem Rand, darin die Schatten der Sprossen, und weil die Wand in der Ecke abknickt, faltet sich das Muster dort um sich selbst und wiederholt sich seitenverkehrt. Von den vierzehn Stufen darunter ist davon nichts zu sehen. Man muss auf dem Podest stehen, ungefähr in der Mitte, und ein wenig zurück.
Er hat seinen Tag darum herumgelegt. Der Einkauf liegt vormittags, die Post auch, den Zahnarzt hat er auf Dienstag früh verlegt. In der Abstellkammer steht ein Beutel mit Altglas, den er nie ganz leert, damit er jederzeit einen Grund hat, im Treppenhaus zu sein. Wenn jemand entgegenkommt, sortiert er Schlüssel. Er hat drei Schlüssel.
Dann kündigte die Verwaltung an, sämtliche Treppenhausfenster gegen Isolierverglasung zu tauschen, Kosten umlagefähig, Ausführung im Frühjahr. Ludewig ging zur Versammlung. Über Farben sagte er nichts. Er sprach zwanzig Minuten über Geld: Sonderanfertigung, Bleiruten, Gerüst an der Hofseite, Trockenbau am Sturz, und ob man das alles wirklich in einem Zug bezahlen wolle. Sein Vorschlag lautete, zuerst die Nordfenster zu machen und das mittlere in einem zweiten Bauabschnitt. Angenommen mit acht zu drei. Für den zweiten Bauabschnitt gibt es bis heute keinen Termin.
Seitdem trägt er die Sanierung mit. Er stimmt für die Dämmung der Kellerdecke, für die neuen Briefkästen, für den Handlauf aus Edelstahl. In der Umlaufliste unterschreibt er als Erster. Fragt jemand, warum oben noch das alte Fenster hängt, sagt er: Bauabschnitt zwei, und niemand fragt weiter, weil zwei nach einer Reihenfolge klingt.
Ende Mai, 15:47, steht er auf dem Podest, das Netz mit Kartoffeln neben sich am Boden, das Eis in der Tasche wird weich. Das Licht kommt durch die Scheiben herein und zerfällt in Flächen, die über die Wand nach unten rutschen, langsamer, als man denkt. Um 15:53 ist der Rand am Sockel angekommen und die Wand wieder grau. Er nimmt das Netz und geht die restlichen Stufen hinauf.
Ende · „Bauabschnitt zwei"