Atem
Jetzt, wo Sie das lesen, atmen Sie von Hand. Das war nicht nötig. Es lief vorher schon, seit Jahrzehnten, tadellos, ohne einen einzigen Bericht an Sie.
Der Atem ist die einzige Stelle im Körper mit doppelter Zuständigkeit. Sie dürfen jederzeit übernehmen, tiefer, langsamer, feierlicher, und Sie dürfen jederzeit wieder loslassen, ohne Übergabeprotokoll. Nichts sonst in Ihnen erlaubt das. Versuchen Sie einmal, die Verdauung persönlich zu führen.
Genau deshalb hängen alle Beruhigungslehren daran. Es ist der einzige Griff, den man von außen erreicht. Man zieht am Atem und hofft, dass der Rest nachkommt, so wie man an einer Tischdecke zieht und hofft, dass das Geschirr ein Einsehen hat.
Zwischen Ein und Aus liegt eine Pause, die niemand verordnet hat und die trotzdem jeder einhält. Was da hineingeht, ist einfach Luft, dieselbe, die eben noch jemand anderem gehört hat, in derselben Straße, ohne dass darüber verhandelt wurde.
Und darunter arbeitet etwas weiter, das Sie nie übernehmen dürfen und das nie eine Pause macht: der Muskel, der nicht fragt. Er hat Ihnen die Zuständigkeit nie angeboten, aus guten Gründen.
Wer den Atem zeichnen wollte, käme auf ungefähr so viel: eine Linie, die sich neigt, und daneben nichts. Alles Übrige, was Sie gerade beim Atmen tun, ist Zutat.
Vier ein. Vier halten. Sechs aus. Danach sind Sie derselbe Mensch, aber ordentlicher belüftet.