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Atem

Jetzt, wo Sie das lesen, atmen Sie von Hand. Das war nicht nötig. Es lief vorher schon, seit Jahrzehnten, tadellos, ohne einen einzigen Bericht an Sie.

Der Atem ist die einzige Stelle im Körper mit doppelter Zuständigkeit. Sie dürfen jederzeit übernehmen, tiefer, langsamer, feierlicher, und Sie dürfen jederzeit wieder loslassen, ohne Übergabeprotokoll. Nichts sonst in Ihnen erlaubt das. Versuchen Sie einmal, die Verdauung persönlich zu führen.

Ölstudie: über einem schmalen dunklen Landstreifen ein blauer Himmel, quer darüber ein Band heller Quellwolken, rechts eine große graue Wolkenwand; dicht über dem Horizont ein rosa beleuchteter Streifen.
Kein Vordergrund, keine Handlung. Man sieht einer Fläche beim Auf- und Abgehen zu, und irgendwann geht der eigene Brustkorb mit.

Genau deshalb hängen alle Beruhigungslehren daran. Es ist der einzige Griff, den man von außen erreicht. Man zieht am Atem und hofft, dass der Rest nachkommt, so wie man an einer Tischdecke zieht und hofft, dass das Geschirr ein Einsehen hat.

Zwischen Ein und Aus liegt eine Pause, die niemand verordnet hat und die trotzdem jeder einhält. Was da hineingeht, ist einfach Luft, dieselbe, die eben noch jemand anderem gehört hat, in derselben Straße, ohne dass darüber verhandelt wurde.

Lockere Bleistiftzeichnung auf gelblichem Papier: ein zur Seite geneigter Kopf mit geschlossenem Auge und ein angedeuteter Schulterbogen, links davon eine schraffierte Fläche; der größte Teil des Blattes bleibt leer.
Drei Striche und viel leeres Papier. Mehr braucht es nicht, damit jemand ruhig wird.

Und darunter arbeitet etwas weiter, das Sie nie übernehmen dürfen und das nie eine Pause macht: der Muskel, der nicht fragt. Er hat Ihnen die Zuständigkeit nie angeboten, aus guten Gründen.

Wer den Atem zeichnen wollte, käme auf ungefähr so viel: eine Linie, die sich neigt, und daneben nichts. Alles Übrige, was Sie gerade beim Atmen tun, ist Zutat.

Vier ein. Vier halten. Sechs aus. Danach sind Sie derselbe Mensch, aber ordentlicher belüftet.