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Fundstück · zweite Schublade · nicht frankiert

Brief

Der Umschlag lag in der zweiten Schublade des Schreibtischs, unter einem Bündel Garantiescheine für Geräte, die es längst nicht mehr gab. Er trug einen Namen und keine Adresse, und er war nie frankiert worden.

Zugeklebt war er auch nicht. Die Lasche steckte nur eingeschoben, und der Falz war weich geworden, so weich, wie Papier wird, wenn man es sehr oft in dieselbe Richtung faltet und wieder aufklappt. Der Sohn, der die Wohnung räumte, brauchte keinen Brieföffner. Er brauchte zwei Finger.

Was darin stand, geht niemanden etwas an, auch ihn nicht, und er las es trotzdem. Es war kürzer, als der Umschlag vermuten ließ. Es war auch weniger schlimm. Ein Satz war durchgestrichen und darüber neu geschrieben worden, sonst gab es keine Korrektur.

Der Name auf dem Umschlag war zweimal geschrieben: einmal fest, mit blauer Tinte, und einmal mit dünnerem Stift darüber, zittrig, Buchstabe für Buchstabe nachgezogen. Jemand hatte irgendwann bemerkt, dass die Schrift verblasste, und das für ein Problem gehalten, das man beheben muss.

Ein zweiter Entwurf lag nicht dabei, und in der ganzen Wohnung fand sich kein Blatt, das denselben Anfang noch einmal versucht hätte. Der Brief war also nicht misslungen. Er war fertig. Er hatte nur nie eine Marke bekommen, und Marken lagen im Küchenschrank, in einer Blechdose, zusammen mit den Streichhölzern und einem Ersatzschnürsenkel.

Der Vater war zweimal umgezogen. Beim zweiten Mal war ein ganzer Karton mit Zeugnissen, Steuerbescheiden und den Fotos vom Boot im Container gelandet; der Sohn hatte selbst mitgetragen. Der Umschlag war nicht im Container gelandet. Er hatte beide Umzüge in derselben Schublade überstanden, immer als drittes von oben, immer unter den Garantiescheinen, was bedeutet, dass er jedes Mal herausgenommen, angesehen und wieder daruntergelegt worden war.

Die Frau, an die er gerichtet war, wohnte elf Straßen weiter. Sie stand im Telefonbuch, unter demselben Namen, mit einer Nummer, die sich nie geändert hatte. Der Weg dorthin dauert zu Fuß eine Viertelstunde. Ein Umschlag ohne Marke hätte den Weg nicht einmal gebraucht; man wirft so etwas ein, wenn man ohnehin an der Tür vorbeikommt.

Der Sohn nahm den Brief mit. Auf dem Rückweg fuhr er durch ihre Straße, langsamer als nötig, sah das Haus, sah, dass in zwei Fenstern Licht war, und fuhr weiter, weil es kurz vor acht war und man um kurz vor acht nicht klingelt. Am Wochenende hat man Zeit, dachte er, am Wochenende passt es besser, und am Wochenende dachte er, dass man Leute an ihrem freien Tag nicht überfällt.

Zu Hause legte er den Umschlag in die oberste Schublade der Kommode, unter die Ersatzschlüssel und eine Packung Batterien, und schob sie zu. Er hat sie seither zweimal geöffnet, um nachzusehen, ob der Umschlag noch da ist.

Er ist noch da.

Radierung: ein Mann mit langem Haar sitzt hinter einem Tisch, in schwerem gemustertem Rock, eine Kette mit Kreuz auf der Brust; die Hände liegen vorn auf einem Blatt Papier, daneben eine flache Schale, der Hintergrund ist dicht schraffiert.
Die Hände liegen auf dem Blatt. Sie liegen dort schon eine Weile.
Gemalte Täuschung: vor einer Bretterwand hängt an einer Stange ein grüner Vorhang, halb zur Seite gezogen; darunter ist ein Kupferstich mit zwei Figuren an einer Haustür mit rotem Siegellack an die Wand geheftet, darunter liegen mehrere zerknitterte Zeitungs- und Almanachblätter.
Angeheftet, mit Siegellack, gut sichtbar. Weggeschickt wurde nichts davon.
Bräunliche Wischzeichnung auf hellem Papier: zwei Köpfe dicht nebeneinander, beide nach unten geneigt, darunter angedeutete Arme und ein heller Streifen, der ein Blatt sein könnte; die Ränder verlaufen ins Leere.
Zwei Köpfe über demselben Blatt. Genau das war nicht vorgesehen.

In derselben Schublade liegt inzwischen ein Zettel mit dem, was er tun will, sobald er dazu kommt: antworten, später.

Zustand: gut · Falz weich · Lasche eingeschoben · Empfängerin erreichbar