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Chor

alle zusammen · zweite Strophe · Text folgt

Die zweite Strophe kann niemand. Gesungen wird sie trotzdem, laut und geschlossen, weil vierzig Leute, die gleichzeitig nuscheln, wie Überzeugung klingen.

Das Verfahren ist einfach: Man setzt einen halben Takt später ein als der Nachbar, übernimmt seinen Vokal und beendet das Wort mit einem allgemeinen Konsonanten. Kein Mensch hört den Unterschied. Wer den Text wirklich kann, fällt eher auf als wer ihn erfindet.

Deshalb sind Chöre so beruhigend. In einem Chor kann man eine feste Meinung haben, ohne sie je gehabt zu haben, und niemand fragt nach, weil Nachfragen den Einsatz verpassen würde. Ein Mensch bleibt am billigsten so, wie er ist, wenn er unter genügend anderen steht, die dasselbe Geräusch machen.

Der Dirigent weiß es. Er hört jede falsche Silbe und tut nichts, weil ein geschlossener Klang mehr wert ist als vierzig richtige Texte. Wenn er abwinkt, hängt der Ton noch einen Moment im Raum und gibt allen recht, die gerade Unsinn gesungen haben.

Bleiben Sie ruhig stehen. Atmen ist der einzige Teil, den alle korrekt beherrschen; es ist auch der einzige, der ohne Probe funktioniert. Wenn der Chor aufhört, hören Sie zuerst vierzig Leute Luft holen, und erst danach, dass niemand mehr singt.

Aufstellung · fünf Blätter · auf keinem steht der Text

Kupferstich: eine dicht gedrängte Menge sitzt und liegt in einer hügeligen Landschaft unter Bäumen; rechts steht eine Gestalt erhöht auf einem Felsen und hebt beide Arme, in der einen Hand ein Kreuzstab.
Einer hat den Text. Das genügt für alle.
Radierung eines Mannes mit wirrem Haar, der den Mund weit aufreißt und mit beiden Händen ein Notenblatt auf ein Pult drückt.
Dieser hier kann sie wirklich. Man sieht sofort, dass das ein Fehler war.
Buchmalerei auf Goldgrund: zwei Frauengestalten mit goldenen Heiligenscheinen stehen dicht nebeneinander, die eine in cremefarbenem, die andere in blauem Gewand, umgeben von einer gemusterten Bordüre.
Zwei, die sich an den Händen halten und dieselbe Silbe raten.
Zwei nebeneinanderliegende Sitzplätze aus dunklem Holz mit geschwungener Rückwand; unter den hochgeklappten Sitzen sind zwei geschnitzte Gesichter zu sehen.
Das Gestühl trägt jeden Ton, den man hineinsetzt, ohne Nachfrage.
Bleistiftzeichnung: eine Menge in weiten Röcken und Mänteln drängt gebückt durch eine Säulenhalle, in der Mitte steht ein Mann mit Zylinder aufrecht.
Und danach gehen alle geschlossen nach Hause, wieder ohne Absprache.