Zweiter Stock gegenüber · Sicht von der Küche · abends
Drei Rechtecke
„dreirechtecke"
Das Haus gegenüber hat neun Fenster zur Straße, aber nachts sind nur drei davon von Bedeutung, und die liegen nebeneinander im zweiten Stock.
Rechts ist die Küche. Das Licht ist gelb, es geht kurz nach sechs an und um halb elf aus, und dazwischen bewegt sich etwas quer durchs Bild, meistens zweimal. Er kennt den Ablauf so genau, dass er einmal aus Spaß die Uhr danach gestellt hat. Die Uhr ging danach vier Minuten vor.
In der Mitte hängt ein roter Stoff vor der Scheibe, ein Tuch oder ein Schal, jedenfalls nichts, was als Vorhang gedacht war. Wenn dort Licht brennt, ist das ganze Rechteck rot, gleichmäßig, ohne Muster, von der Straße aus eine Fläche Farbe. Dahinter geschieht nichts, was man sehen könnte. Es ist rot an, oder es ist aus.
Links ist nie Licht. Nicht selten, nicht spät — nie. Das Fenster bleibt schwarz, und wenn die Laterne im Wind schwankt, läuft ein dünner blauer Strich über die Kante des Rahmens und wieder zurück.
Für das linke Fenster hat er vier Erklärungen, und er hat sie in eine Reihenfolge gebracht:
- Die Wohnung steht leer.
- Der Raum ist eine Abstellkammer.
- Es ist ein Schlafzimmer, und Schlafzimmer bleiben dunkel.
- Da wohnt jemand, der auch kein Licht macht.
Die vierte gefällt ihm am besten. Er stellt sie trotzdem nach hinten, weil sie sonst die anderen erdrückt.
Nachsehen wäre einfach. Im Hausflur gegenüber hängen die Klingelschilder, sechs Stück, er hat sie im Vorbeigehen registriert; er müsste stehen bleiben und lesen, mehr nicht, klingeln müsste er nicht einmal. Er geht viermal die Woche mit der Mülltüte dort vorbei und liest sie nicht.
Was er stattdessen tut: Er hat den Küchentisch so gedreht, dass er im Sitzen alle drei gleichzeitig sieht, ohne den Kopf zu heben. Er isst spät. Und er lässt beim Essen das eigene Licht aus, weil man sonst die Scheibe sieht und nicht das, was dahinter liegt.
Einmal, im tiefsten Winter, brannte links Licht. Er saß mit der Gabel in der Hand und sah zwei Männer, die eine Matratze hochkant durch den Raum trugen, und nach vier Minuten war es wieder dunkel. Er hat drei Tage gebraucht, um das unterzubringen, und danach hatte er eine fünfte Erklärung, die alle vorherigen rettete: eine Wohnungsauflösung. Das passt zu leerstehend, das passt zur Abstellkammer, und es erklärt sogar, warum sonst nie Licht ist.
Seither ist es wieder schwarz. Er sitzt und isst und denkt sich das dazu, und rechts geht um halb elf das Gelb aus, und in der Mitte ist Rot an oder Rot aus.
18:05 gelb an · 22:30 gelb aus · rot unregelmäßig · links keine Angabe