Küche · Wachstuch · Teebeutel seit einer Stunde in der Tasse
Gedanken
„Gedanken"
Die Nachricht ist um Viertel nach zwei gekommen und besteht aus sieben Wörtern. Ob eigentlich alles in Ordnung sei bei ihm.
Er hat sie gelesen, das Telefon umgedreht und mit dem Bildschirm nach unten auf das Wachstuch gelegt, dann hat er Wasser aufgesetzt. Der Beutel hängt seither in der Tasse. Der Tee ist kalt und schwarz und schmeckt nach Rinde, und er trinkt in Abständen davon.
Erste Ebene Man antwortet: alles gut. Zwei Wörter, freundlich, erledigt.
Zweite Ebene Zwei Wörter auf sieben ist zu wenig. Zu kurz ist auch eine Antwort; zu kurz heißt, er will nicht. Es braucht also etwas dazu, einen Grund, etwas mit einem Wochentag darin, damit es nach Leben klingt.
Dritte Ebene Welcher Grund hält nach? Arbeit hält nach und ist langweilig. Krankheit zieht eine Nachfrage nach sich, die Nachfrage kommt am nächsten Tag, und dann sitzt er wieder hier, nur mit einer Lüge mehr im Rücken.
Von der vierten Ebene an verzweigt es sich nicht mehr, es wächst in alle Richtungen gleichzeitig. Er baut die möglichen Antworten, dann die Antworten auf die Antworten, dann die Pausen dazwischen, die ebenfalls etwas bedeuten. Er baut die Fassung, in der er ehrlich schreibt, und rechnet sie durch bis zu der Stelle, an der der andere anruft. Er hört das Klingeln. Er weiß, wie das Gespräch läuft, er weiß sogar, an welchem Punkt er sagen wird, es sei schon wieder besser. Daraus entsteht ein Treffen, ein Café, der Tisch am Fenster, die Frage, die nach dem zweiten Kaffee kommt, und die Antwort darauf, und was sie im Auto auf dem Rückweg mit ihm macht. Bis dahin sind es vom Ausgangspunkt aus elf Schritte, und keiner davon ist unplausibel.
Um halb vier steht die Sonne kurz auf der Wand gegenüber, ein schmaler Streifen über der Regenrinne, und wandert nach rechts aus dem Fenster.
Anstrengend ist das nicht. Das Ding baut sich weiter, auch wenn er nichts dazu tut. Er sitzt still dabei, die Schultern hängen nach vorn, der Nacken wird steif, und aus zwei Metern Entfernung sieht ein Mensch, der so dasitzt, aus wie einer, der nichts tut.
Draußen drückt der Wind gegen das Fenster. In der Nacht soll daraus ein Sturm werden, hat der Mann im Radio gesagt, man solle die Mülltonnen hereinholen.
Um zehn nach sechs dreht er das Telefon um. Der Akku steht bei elf Prozent. Er tippt:
Alles gut, viel zu tun. Bei dir?
Die letzten zwei Wörter sind die eigentliche Arbeit. Sie geben die Frage zurück, freundlich, ohne dass es auffällt, und sie sorgen dafür, dass die nächste Nachricht wieder von der anderen Seite kommt.
Dann spült er die Tasse aus. Den Beutel wirft er nicht weg, er drückt ihn im Sieb mit dem Löffel aus und lässt ihn liegen.
Eingegangen 14:15 · sieben Wörter · Gesendet 18:12 · sechs Wörter · Dazwischen 3 h 57 min