Nachtschicht · Halle 3 · Pause von drei bis halb vier
Frosch
Vierzig Watt hinter Milchglas, die er nie einschaltet, wenn er zu Hause ist.
Das Becken steht im Wohnzimmer an der Wand ohne Fenster, sechzig mal vierzig mal achtzig, mit Kork an der Rückwand, einer Efeutute, die es zu gut meint, und einer Nebelanlage, die um 19:00 und um 07:00 zischt. Darin lebt ein Rotaugenlaubfrosch, den Beck vor vier Jahren gekauft hat, in einer Schachtel mit Luftlöchern, für achtzig Euro und eine Belehrung über Luftfeuchte.
Beck arbeitet nachts, Halle 3, Sortierung. Er kommt um 03:50 aus dem Werk, um vier ist er zu Hause, und dann sitzt er vor dem Becken, mit Tee, in dem Sessel, den er dafür quer gestellt hat. Das Tier ist um diese Zeit wach. Beck sieht es trotzdem nicht, jedenfalls nicht als Tier: die Tagesbeleuchtung ist aus, es glimmt nur die Mondlicht-LED über der Rückwand, und was er sieht, ist eine Linie. Ein Rücken, ein Kopf im Profil, ein Ring um das Auge, in dem der Spalt steht. Der Rest ist schwarz.
Die Zeitschaltuhr steht auf hell von 10:00 bis 22:00, wie es im Buch steht, zwölf Stunden, UV-Röhre eingeschlossen. Beck schläft von neun bis vier. Die Rechnung geht auf: das Tier hat seinen Tag, Beck hat seinen, und beide fallen so auseinander, dass sie sich nie im Licht begegnen. Zweimal hat er eine Klemmleuchte in die Hand genommen. Beide Male hat er sie wieder auf den Schrank gelegt, weil man ein nachtaktives Tier nicht blendet. Das steht ebenfalls im Buch.
Die Tierärztin, bei der er einmal wegen einer Häutung war, sagte, er könne den Zyklus verschieben, zwei Wochen in Halbstundenschritten, dann sei die Beleuchtung nachmittags. Beck sagte, das mache Stress. Er hat noch am selben Abend die Schaltuhr überprüft und festgestellt, dass sie um sieben Minuten vorging. Er hat sie gestellt.
Wenn der Wecker um halb neun geht, liegt er schon eine halbe Stunde wach und macht die Augen nicht auf, weil der Umriss dann noch da ist, innen, in Gelbgrün, und langsam ins Farbige verläuft, bis er nichts mehr ist.
Um 04:12 setzt der Nebler nicht ein, der ist erst um sieben dran. Der Umriss bewegt sich eine Handbreit nach links und steht dann wieder. Beck trinkt den Tee aus und stellt die Tasse auf den Boden neben den Sessel.
Ende · „Zwölf Stunden, wie im Buch"