Küche · Stuhl zur Wand gedreht · nachmittags
Vicky
Es beginnt links unten und ist nach zwanzig Minuten vorbei, jedes Mal.
Zuerst fehlt ein Wort. Irgendein gewöhnliches, Bügeleisen, Dienstag, sie weiß, wo es liegen müsste, und greift daneben. Zwei Minuten später kommt links unten am Rand ein Fleck, der flimmert. Der Fleck wächst zu einem Bogen, der Bogen bekommt Zacken, die Zacken laufen, grün und gelb, und innerhalb des Bogens ist nichts mehr — nicht schwarz, sondern nicht vorhanden. Wer ihr gegenübersitzt, verliert dabei das Gesicht: der Mund ist da, die Stirn ist da, aber nie zur selben Zeit.
Der Neurologe hat es Migräne mit Aura genannt, ohne Kopfschmerz, was selten sei, aber vorkomme. Er hat ihr einen Kalender mitgegeben, in dem man Kreuze macht, und ein Rezept für eine Vorbeugung, die die Anfälle laut Beipackzettel um etwa zwei Drittel senkt. Die Schachtel liegt ungeöffnet in der Küchenschublade unter den Batterien. Den Kalender führt Viktoria genau. Sie hat ihn beim zweiten Termin vorgelegt, und der Neurologe sagte, so gut dokumentiere das sonst niemand.
Es passiert zweimal die Woche, fast immer zwischen halb vier und fünf. Deshalb steht in ihrem Kalender nachmittags ein Block von zwanzig Minuten, der Termin extern heißt und den sie nicht verschiebt. In der Firma gilt sie als jemand, der eine feste Gewohnheit hat; zwei Kollegen glauben, sie rauche. Einmal hat sie es erklärt. Danach fragte jemand, ob sie mit so etwas Auto fahren dürfe, und jemand anderes schickte ihr einen Link zu einer Klinik. Seither heißt es Termin extern.
Sie kann inzwischen recht viel. Sie kann eine Treppe hinuntergehen, wenn sie die Hand am Geländer lässt. Sie kann telefonieren, weil die Stimme durchkommt. Sie kann sogar weiterschreiben, wenn sie den Satz vorher angefangen hat, und liest ihn danach noch einmal. Was nicht geht, ist Lesen, Rechnen, und in ein Gesicht sehen.
Sie sagt, sie habe es im Griff, und das stimmt auch. Sie hat es so weit im Griff, dass sie eine Woche lang nicht daran denkt, außer nachmittags, zwanzig Minuten, mit dem Stuhl zur Wand.
Um 16:20 stellt sie das Glas auf den Küchentisch, legt das feuchte Tuch daneben, das sie nicht braucht, und schlägt das Heft auf. Sie trägt die Uhrzeit ein und den Wochentag, dann klappt sie es zu, weil das Schreiben ohnehin gleich aufhört. Links unten, am Rand, fängt es an.
Ende · „Termin extern"