Auge
Das Auge ist kein Fenster. Es ist ein Beamter mit Aktenlage. Es sieht nach, ob das, was da draußen steht, mit dem übereinstimmt, was schon abgeheftet ist, und in erstaunlich vielen Fällen tut es das. Der Rest wird als Papierfehler behandelt.
Darum erkennen Sie im Halbdunkel zuverlässig einen Mantel als Person und nie eine Person als Mantel. Die Erwartung liegt schon fertig da; das Licht muss nur noch unterschreiben.
Sie können das Auge schließen, und zwar sofort und ohne Übung. Das ist ein Sonderrecht, das im Körper selten vorkommt. Das Ohr hat es nicht bekommen und beschwert sich seither, allerdings leise, wie es seine Art ist.
Wer trotzdem etwas Neues sehen will, muss den Umweg nehmen: den Kopf drehen, ohne vorher zu wissen wohin, und irgendwo hinsehen, wo keine Akte liegt. Danach dauert es eine Weile, bis das Auge wieder Ordnung geschaffen hat. Diese Weile ist das Einzige, was man Sehen nennen sollte.
Die Akte ist übrigens älter als Sie. Andere haben vor Ihnen dasselbe Organ abgezeichnet, in Fayence, in Ton, mit dem Federkiel, und in jedem Fall kam heraus, was schon feststand: dass es sehr genau hinsieht.
Zwischen zwei Lidschlägen liegt ein kurzer, vollständiger Weltuntergang. Sie haben ihn schon dreimal überstanden, seit Sie diesen Absatz lesen.