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Ohr

Kein Deckel. Nie einer gewesen.

Aquarell in Grau, Schwarz und Weiß: eine dunkle Kirche bei Nacht im Regen. Über dem spitzen Turm schwebt eine große helle Form mit zwei runden Augenflecken und blauen Wirbeln darin. Senkrechte Regenstriche ziehen über das ganze Blatt, unten glänzt die nasse Straße.
Der Ton nimmt mehr Platz ein als das Gebäude, aus dem er kommt. Wer ihn malen wollte, musste ihn größer machen als die Kirche.

Das Ohr hat als einziges Organ keinen Feierabend bekommen. Man kann die Augen schließen, den Mund halten, die Hände in die Taschen stecken — das Ohr bleibt offen, auch nachts, auch bei Leuten, die man nicht mag, auch bei Musik aus dem Nebenzimmer, die man nie bestellt hat.

Deshalb ist es das mürrischste Organ. Es weiß Dinge, die es nicht wissen wollte, und es kann sie nicht zurückgeben. Was hineingeht, geht nicht wieder hinaus; es geht nur weiter herum, verliert dabei den Absender und kommt als Echo wieder, das jetzt aussieht wie ein eigener Gedanke.

Das Ohr glaubt außerdem alles, was leise gesagt wird. Rufen Sie einem Menschen eine Wahrheit zu, und er prüft sie. Flüstern Sie ihm eine Unwahrheit ins Ohr, und er trägt sie wochenlang mit sich herum, vorsichtig, wie etwas Zerbrechliches, das ihm anvertraut wurde.

In wirklich stillen Räumen hört das Ohr sich selbst. Ein feines Rauschen, ein Ton, den es notfalls erfindet, weil es lieber etwas Falsches hört als nichts. Wer lange genug hinhört, findet dahinter nur noch das eigene Ein und Aus, das seit Jahrzehnten unbeachtet weiterläuft.

Tuschemalerei auf Seide in Form eines runden Fächers: unter einer Kiefer sitzt eine Gestalt an einem niedrigen Tisch und spielt eine lange Zither. Ihr gegenüber sitzt eine zweite Gestalt und hört zu, rechts steht ein Junge mit einem Tuch in den Händen.
Zwei hören zu, einer spielt. Der Junge am Rand hört am längsten, weil er nichts sagen darf.
Schwarzweißaufnahme eines Blasinstruments aus Ton: ein Rohr in Gestalt eines Tieres mit aufgerissenem Maul, dahinter eine enge Schleife und am Ende ein weit ausladender Trichter.
Derselbe Bau wie Ihrer, nur andersherum und mit einem Maul davor.

Man kann sich die Ohren zuhalten. Dann hört man die Hände. Das gilt nicht als Lösung, sondern als Themenwechsel.