Ohr
Kein Deckel. Nie einer gewesen.
Das Ohr hat als einziges Organ keinen Feierabend bekommen. Man kann die Augen schließen, den Mund halten, die Hände in die Taschen stecken — das Ohr bleibt offen, auch nachts, auch bei Leuten, die man nicht mag, auch bei Musik aus dem Nebenzimmer, die man nie bestellt hat.
Deshalb ist es das mürrischste Organ. Es weiß Dinge, die es nicht wissen wollte, und es kann sie nicht zurückgeben. Was hineingeht, geht nicht wieder hinaus; es geht nur weiter herum, verliert dabei den Absender und kommt als Echo wieder, das jetzt aussieht wie ein eigener Gedanke.
Das Ohr glaubt außerdem alles, was leise gesagt wird. Rufen Sie einem Menschen eine Wahrheit zu, und er prüft sie. Flüstern Sie ihm eine Unwahrheit ins Ohr, und er trägt sie wochenlang mit sich herum, vorsichtig, wie etwas Zerbrechliches, das ihm anvertraut wurde.
In wirklich stillen Räumen hört das Ohr sich selbst. Ein feines Rauschen, ein Ton, den es notfalls erfindet, weil es lieber etwas Falsches hört als nichts. Wer lange genug hinhört, findet dahinter nur noch das eigene Ein und Aus, das seit Jahrzehnten unbeachtet weiterläuft.
Man kann sich die Ohren zuhalten. Dann hört man die Hände. Das gilt nicht als Lösung, sondern als Themenwechsel.