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Koffer

gepackt · ungetragen

Sie packte ihn an einem Abend im Herbst, in etwa einer Stunde, ohne Liste, und stellte ihn neben die Wohnungstür. Brauner Lederkoffer, zwei Schnallen, das linke Schloss klemmt, seit er einmal eine Treppe hinuntergefallen ist. Darin: zwei Hemden, Wäsche für vier Tage, Waschzeug, die Papiere in einer Klarsichthülle, ein Umschlag mit Geld und ein Paar Schuhe, die schon eingelaufen waren. In neuen Schuhen geht niemand weg.

In dieser Nacht ging sie nicht. Am nächsten Morgen kochte sie Kaffee, und der Koffer stand da, und sie schob ihn zwei Handbreit zur Seite, damit die Tür wieder ganz aufging.

Zweimal im Jahr, wenn sie ohnehin die Fenster putzt, macht sie ihn auf. Zahnpasta wird hart, Batterien laufen aus, Papiere laufen ab. Die Hemden tauscht sie gegen solche, die noch passen. Die Schuhe hat sie zweimal ersetzt, weil das Leder an der Biegung aufreißt, auch wenn niemand darin läuft. Den Koffer selbst lüftet sie auf dem Balkon und fettet die Messingschnallen mit demselben Lappen, mit dem sie die Schuhe fettet. Er ist der gepflegteste Gegenstand der Wohnung. In der Küche fehlt seit Jahren ein Schrankgriff.

Einmal, in einem sehr heißen Sommer, hat sie überlegt, ihn auszuräumen und die Hemden zurück in den Schrank zu hängen. Sie hat dann die Klarsichthülle gegen eine neue getauscht, weil die alte trüb geworden war und man die Papiere nicht mehr durchlesen konnte, ohne sie herauszunehmen.

Sie weiß, dass es zum Bahnhof elf Minuten sind, und sie sieht in den Fahrplan, wenn er wechselt. Sie kennt die Nachtverbindung und weiß, dass man am zweiten Bahnsteig umsteigen muss und dass der Übergang gesperrt wird, sobald es zu regnen anfängt. Ihre Schwester hat einmal gefragt, wofür der Koffer da sei. Sie sagte, für das Krankenhaus. Das leuchtet allen ein, und danach fragt niemand mehr.

Im Winter ging nachts um halb drei die Brandmeldeanlage im Treppenhaus los. Sie stand mit den anderen auf der Straße, Mantel über dem Nachthemd, und hatte bei sich: ihre Lesebrille und den Blumentopf vom Fensterbrett. Der Koffer stand oben neben der Tür, gepackt, gefettet, griffbereit. Es war eine angebrannte Pfanne im dritten Stock.

Als sie wieder oben war, öffnete sie den Koffer, prüfte den Inhalt Stück für Stück und fand alles in Ordnung. Dann setzte sie sich an den Küchentisch und schrieb auf, was sie mitgenommen hatte, was sie vergessen hatte und in welcher Reihenfolge beim nächsten Mal zu greifen ist. Sie legte den Zettel obenauf, damit man ihn sofort sieht.

Die Liste liegt auf den Hemden. Sie ist inzwischen zwei Seiten lang. Wenn man den Koffer hochnimmt, liegt darunter ein helleres Rechteck im Parkett, scharf begrenzt, mit vier winzigen Dellen an den Ecken. Der Griff ist an einer Stelle blank gerieben. Nicht vom Tragen.

Schwarz lackierte Truhe mit gewölbtem Deckel, Nietenreihen an allen Kanten, seitlichem Eisenring und breiter Schließe über der Vorderseite; Deckel und Front tragen eine feine helle Einlegearbeit mit Figuren, Bäumen, Tischen und Reitern.
Für Kleidung, mit Griff und Schließe. Das Beschlagwerk ist aufwendiger als der Inhalt.
Zimmer mit dunklen Deckenbalken und breiten Holzdielen: in der Mitte ein Bett mit rotem Baldachin und geschlossenen Vorhängen, links eine hölzerne Wiege, rechts unter einem Butzenfenster eine niedrige Truhe und ein Stuhl mit runder Lehne.
Die Truhe steht rechts unter dem Fenster. Alles andere im Raum ist zum Bleiben gebaut.
Grafitzeichnung: ein Mann im Mantel beugt sich tief vor einem schmiedeeisernen Gartentor, in dem eine Frau mit breitem Hut und langem Kleid steht; über dem Tor hängen eine Laterne und dichtes Blattwerk, auf dem Weg hinter dem Mann liegt sein Zylinder.
Der Abschied ist geübt bis in den Hut hinein. Durch das Tor geht in diesem Bild niemand.

Der Koffer steht zwei Handbreit neben der Tür und nicht auf der Schwelle. Das sind zwanzig Zentimeter, und die werden bald geklärt.

Gewicht neun Kilo Schnallen gefettet Papiere gültig Weg elf Minuten