Flor
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Der Teppich in Saal sechs ist Wolle, geschoren, Flor zwölf Millimeter, und er nimmt jeden Schritt an. Wer ihn durchquert, hinterlässt eine Spur, die heller ist als die Fläche daneben, weil der Flor dort umgelegt liegt und das Licht von der anderen Seite zurückwirft.
Nachts brennt in dem Saal nur die Sicherheitsbeleuchtung, zwei Leuchten über den Türen, sehr flach einfallend. Bei diesem Licht sieht man die Spuren am besten. Von der Schwelle aus liegt das Tagwerk da wie ein Gewirr: der Hauptweg von der Tür zur Vitrine, die kurzen Haken zu den Beschriftungen, ein Bogen, den jemand um eine Gruppe herum gelaufen ist, und in der Mitte eine breite Zone, wo sehr viele sehr lange gestanden haben.
Er beginnt hinten links, mit einer Bürste an einem Stiel, achtzig Zentimeter breit, Rosshaar. Gebürstet wird gegen die Strichrichtung und dann zurück, immer zurück, damit alles wieder in dieselbe Richtung zeigt: zur Fensterwand hin. Es ist ein Handwerk mit einer einzigen Regel, und die Regel heißt eine Richtung.
Sechzig Quadratmeter dauern zwei Stunden. Die schwierigen Stellen sind nicht die Wege, sondern die Standflächen: dort ist der Flor nicht umgelegt, sondern niedergedrückt, und niedergedrückte Wolle steht nicht wieder auf, nur weil man sie bürstet. Sie braucht Feuchtigkeit. Er hat eine Sprühflasche dabei, kaltes Wasser, ein Nebel, mehr nicht.
Gegen halb vier ist der Saal wieder eine einzige, gleichmäßig gekämmte Fläche, die von der Tür aus dunkel wirkt und von der Fensterwand aus hell. Es sieht dann aus, als wäre seit dem Verlegen niemand darüber gegangen. Das ist der Zustand, für den er bezahlt wird, und es ist auch der Zustand, den er sehen will, bevor er geht.
Der Saal öffnet um zehn. Um zwei Minuten nach zehn geht die erste Besucherin diagonal durch, weil diagonal der kürzeste Weg zur Vitrine ist, und in diesem Moment steht wieder ein Strich in der Fläche, einer, der überall hinzeigt, nur nicht zur Fensterwand.
Am Ende bleiben seine eigenen Spuren. Er bürstet sie rückwärts gehend heraus, von der Vitrine zur Tür, dann steht er auf der Schwelle im Halbdunkel und sieht hinein. Von hier aus ist der Teppich schwarz und ohne einen einzigen Zug.
Nebenan, in Saal sieben, hängt seit dem Frühjahr eine Kugel unter der Decke, an einem Draht, und niemand hat ihm gesagt, wozu sie da ist. Er geht abends an ihr vorbei und sieht sie sich an; sie hat, wenn man lange genug hinsieht, ein Gesicht.
Schicht 22:00–06:00 · Bürste Rosshaar 80 cm · Saal 6 · Flor 12 mm