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Flur · Nordseite · schlechtes Licht

Maxaug

„maxaug"

Digitale Collage: eine violett verrauschte Fläche, in der unten ein stark unscharfes Auge und ein Stück Gesicht zu erkennen sind, darüber ein dunkles Rechteck mit einem weiteren schattenhaften Auge. Links liegen ein grünes und ein rotes Rechteck übereinander, rechts stehen blaue senkrechte Bänder, waagerecht laufen olivgelbe Streifen, und in der Mitte fällt eine Reihe orangeroter Kugeln von oben nach unten.
„maxaug"

Das Bild war ein Geschenk. Seine Tochter hatte ein Passfoto vergrößern und auf Platte ziehen lassen, neunzig auf hundertzwanzig, zum Sechzigsten, und alle fanden es gelungen. Bruns fand es auch gelungen. Er hängte es im Flur auf, an die Nordwand, wo das Licht schlecht ist und man im Vorbeigehen nichts erkennt.

Im ersten Jahr kam der Kalender vom Autohaus davor, oben, an einen Nagel, den er zwei Handbreit über den Rahmen schlug. Der Kalender deckte die Stirn ab und einen Teil der Nase. Im Januar hängte er den neuen Kalender an denselben Nagel, ohne den alten abzunehmen, weil auf dem alten die Handwerkernummern standen.

Dann eine grüne Filzplatte für Schlüssel, links, mit vier Haken. Darauf, weil der Filz sich wellte, ein rotes Kunststoffbrett aus der Küche, etwas kleiner, mit doppelseitigem Klebeband. Rechts kam eine Bahn blaue Tapete hin, ein Rest vom Schlafzimmer, senkrecht, weil sie senkrecht übrig war. Die Kanten hat er mit Kreppband gesichert; das Kreppband ist inzwischen gelb.

In der Mitte hängt seit einer Reise eine Schnur mit orangefarbenen Holzkugeln, unterschiedlich groß, die eigentlich in eine Tür gehört. Sie hängt vor dem Bild, weil dort der Haken schon war. Wenn jemand die Wohnungstür zuschlägt, schlagen die Kugeln zweimal gegen die Platte, ein trockenes Geräusch, und liegen dann wieder still.

Frei ist noch ein Stück am rechten unteren Rand, über der Garderobenleiste, ungefähr handgroß: darauf ein Auge und ein Stück Wange. Besuch bleibt manchmal beim Mantelausziehen stehen und fragt. Bruns sagt, das sei vom Vormieter, er komme nicht an die Dübel, das gehe in die Wand hinein und dann müsse alles neu. Danach fragt niemand weiter, und alle gehen in die Küche.

Im Herbst ging die Flurlampe aus. Er stellte einen Stuhl darunter, und beim Drehen der neuen Birne stand er zum ersten Mal seit Jahren über dem Bild, eine Handbreit davor, mit der Taschenlampe des Telefons in Kopfhöhe. Es war alles da. Nur seitenverkehrt gewohnt, weil er sein Gesicht sonst im Spiegel sieht.

Er drehte die Birne fest, stieg vom Stuhl, trug ihn zurück in die Küche und stellte fest, dass der Kalender beim Hochsteigen verrutscht war. Er richtete ihn wieder aus, an der Oberkante der Platte, bündig, und drückte den Nagel mit dem Daumen nach.

Ende · „Es geht in die Wand hinein"