Wand
Eine Wand ist ein Versprechen, gegeben von jemandem, den Sie nie getroffen haben. Sie halten sich daran, ohne es geprüft zu haben, und das ist vernünftig: Prüfen beschädigt in diesem Fall die Sache selbst. Die billige Ausführung desselben Versprechens steht draußen im Feld und heißt Zaun; sie hält offenkundig nichts auf und wird trotzdem jedes Jahr nachgezogen.
Hier unten ist nichts verputzt, nur gestrichen. Kalk, dann weiß, dann ein Grau, das jemand für hell gehalten hat, dann das, was der Baumarkt gerade dahatte. An der Stelle, wo einmal ein Nagel saß, kann man die Schichten zählen wie Jahresringe, und wie bei Jahresringen erfährt man daraus vor allem, welche Sommer schlecht waren.
Feuchtigkeit steigt in einer Wand nach oben, nicht nach unten. Sie hinterlässt einen Rand, der aussieht wie die Küste eines Landes, das nicht existiert. Der Rand wird jedes Jahr höher und bleibt trotzdem immer nur ein Rand — Ränder sind das, was Dinge tun, statt aufzuhören.
Wo die Wand nicht mehr weiterweiß, macht sie einen Riss. Das ist kein Versagen, sondern die einzige Art, wie ein starrer Gegenstand mitteilen kann, dass er sich bewegt hat. Oben, knapp unter der Decke, sitzt ein Fenster, das nie geputzt wurde und trotzdem verlässlich Licht durchlässt, nur eben weniger, und niemand merkt, wann es weniger geworden ist.
Drei Aufnahmen hängen hier untereinander. Untereinander ist die falsche Auskunft: sie hängen alle an derselben Stelle, und das merkt man erst, wenn man versucht, an ihnen vorbeizukommen.
Sie sind jetzt drei Bildhöhen weit gescrollt und stehen vor derselben Wand. Das ist keine Störung des Betriebs, das ist der Betrieb.
vier anstriche, ein nagelloch