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Wand

Eine Wand ist ein Versprechen, gegeben von jemandem, den Sie nie getroffen haben. Sie halten sich daran, ohne es geprüft zu haben, und das ist vernünftig: Prüfen beschädigt in diesem Fall die Sache selbst. Die billige Ausführung desselben Versprechens steht draußen im Feld und heißt Zaun; sie hält offenkundig nichts auf und wird trotzdem jedes Jahr nachgezogen.

Hier unten ist nichts verputzt, nur gestrichen. Kalk, dann weiß, dann ein Grau, das jemand für hell gehalten hat, dann das, was der Baumarkt gerade dahatte. An der Stelle, wo einmal ein Nagel saß, kann man die Schichten zählen wie Jahresringe, und wie bei Jahresringen erfährt man daraus vor allem, welche Sommer schlecht waren.

Feuchtigkeit steigt in einer Wand nach oben, nicht nach unten. Sie hinterlässt einen Rand, der aussieht wie die Küste eines Landes, das nicht existiert. Der Rand wird jedes Jahr höher und bleibt trotzdem immer nur ein Rand — Ränder sind das, was Dinge tun, statt aufzuhören.

Wo die Wand nicht mehr weiterweiß, macht sie einen Riss. Das ist kein Versagen, sondern die einzige Art, wie ein starrer Gegenstand mitteilen kann, dass er sich bewegt hat. Oben, knapp unter der Decke, sitzt ein Fenster, das nie geputzt wurde und trotzdem verlässlich Licht durchlässt, nur eben weniger, und niemand merkt, wann es weniger geworden ist.

Drei Aufnahmen hängen hier untereinander. Untereinander ist die falsche Auskunft: sie hängen alle an derselben Stelle, und das merkt man erst, wenn man versucht, an ihnen vorbeizukommen.

Architekturzeichnung in brauner Tusche und Lavierung: der Aufriss einer Wand mit Gesims, Pilastern und Kapitellen, in der Mitte eine Nische mit einer kleinen nackten Figur, links ein weit herabhängendes gerafftes Tuch mit zwei geflügelten Kindern daran, darunter eine leer gelassene rechteckige Fläche.
So war sie gemeint. Die untere Fläche ist im Entwurf noch leer und ist es geblieben.
Fotografie: ein steinernes Spitzbogenfenster sitzt in einer hell verputzten Wand; die vier Felder sind mit bleigefassten Wabenscheiben verglast, in einem unteren Feld ein farbiges Glasbild mit Figuren, durch die übrigen Scheiben sieht man Grün und einen Hof.
Das Fenster von oben. Draußen ist noch immer grün, das erkennt man gerade so.
Blasses Aquarell: ein hoher Mauerrest mit dunklem Torbogen steht in einer weiten Wiese, dicht mit Efeu und Buschwerk überwachsen; links und rechts Baumgruppen, im Hintergrund ein blaugrüner Hügel.
Und das hier ist eine Wand, die aufgehört hat. Gesagt hat es ihr niemand.

Sie sind jetzt drei Bildhöhen weit gescrollt und stehen vor derselben Wand. Das ist keine Störung des Betriebs, das ist der Betrieb.

vier anstriche, ein nagelloch