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Riss

Er beginnt links über der Fußleiste, läuft sechzig Zentimeter schräg nach oben und hört auf, wo es ihm passt. Unten ist er einen Millimeter breit, oben verliert er sich im Putz, als hätte er das Interesse verloren.

Man klebt ein Gipsplättchen darüber. Reißt das Plättchen, arbeitet der Riss noch; bleibt es heil, steht das Haus. Ein sauberes Verfahren, billig und eindeutig. Es ist gerissen. Sie haben es seither nicht mehr angesehen, und damit ist das Verfahren wieder offen.

Jedes Jahr ein bisschen länger, jedes Jahr ein bisschen weniger sichtbar. Das ist keine Täuschung, sondern eine sehr gute Verwaltungsleistung: Das Auge streicht alles, was sich langsam ändert, aus dem Bericht. Gemeldet wird nur, was springt.

Graue Lavierung: mehrere dachlose Häuser mit leeren Fensterlöchern stehen an einem hellen Sandweg, rechts ein großer Baum mit spärlichem Laub.
Erster Befund: die Wände stehen noch alle. Es fehlt nur oben etwas.
Aquarell: in einer weiten flachen Landschaft stehen zwei Ruinengruppen, rechts eine hohe Giebelwand mit Rundbogentor, davor kleine dunkle Figuren.
Zweiter Befund: man geht hindurch spazieren. Niemand redet mehr vom Dach.
Aquarell in blassen Grün- und Grautönen: ein heller Mauerrest mit dunklem Torbogen, von Bäumen überwachsen, davor eine gelbgrüne Wiese.
Dritter Befund: sieht schön aus. Damit ist der Vorgang abgeschlossen.

So verschwinden Risse aus dem Blickfeld, und Rückenschmerzen, und Menschen: nicht plötzlich, sondern in Raten, von denen jede einzelne unterhalb der Meldeschwelle bleibt. Niemand hat je den Moment erlebt, in dem es schlimm wurde. Es war nie ein Moment.

Man kümmert sich irgendwann darum — ein festes Datum, es hat nur keine Zahl. Das Knie arbeitet nach demselben Verfahren und meldet sich ebenfalls nur bei Sprüngen. Und unten, wo der Riss aufhört, fängt der Keller wieder an, als wäre nichts gewesen, was ja auch stimmt: Es war nichts. Es war nur jedes Jahr.

gips: aufgeklebt · zustand: gerissen · frist: offen