Dritter Hocker von links
Spiegel
„spiegel"
Hinter der Theke im Astoria hängt ein Spiegel über die ganze Länge, und weil er alt ist, steht das Bild darin ein wenig schief. Links davon eine rote Lampe über der Kasse, rechts ein blauer Leuchtkasten mit dem Namen einer Brauerei, die es so nicht mehr gibt. Wer davorsitzt, ist auf einer Seite rot und auf der anderen blau, mit einer Naht in der Mitte, die über die Nase geht.
Menzel sitzt seit Jahren auf dem dritten Hocker von links. Von dort fällt das Rote auf seine linke Wange und lässt sie ruhig aussehen. Die andere Seite steht im Blauen und sieht aus, als hätte er schlecht geschlafen. Er hat das nicht ausgerechnet, er hat sich durchprobiert, an drei Abenden im Herbst, und ist beim dritten Hocker geblieben.
Angefangen hat es mit einem Foto von der Hochzeit seines Bruders. Er stand halb weggedreht, und alle sagten, das sei sein Ausdruck. Seitdem ist eine Hälfte die gute und die andere die, die man nicht braucht. Zum Fotografieren dreht er den Kopf um vielleicht zwanzig Grad. Auf jedem Bild, das es von ihm gibt, sieht man ihn von der Seite, auf der die rechte Wange im Schatten liegt.
Es ist Arbeit. Wer sich links neben ihn setzt, sitzt falsch, und Menzel steht dann irgendwann auf, angeblich wegen der Zigaretten, und kommt auf der anderen Seite wieder an. Beim Friseur muss er die Anweisungen umdrehen, weil im Spiegel alles vertauscht ist; einmal hat er es nicht umgedreht und drei Wochen lang die falsche Seite kürzer getragen. Es hat niemand bemerkt. Das hat er geprüft, indem er zweimal danach fragte.
Seine Schwägerin hat es einmal angesprochen, an einem Tisch, an dem sieben Leute saßen. Sie sagte, er stehe immer so komisch. Der Streit ging danach eine Stunde und angeblich um etwas anderes, um einen Kredit, um wen man an Weihnachten einlädt. Menzel hat sich beim Hinausgehen an der Garderobe umgedreht, damit sie ihn richtig sieht.
Für den neuen Ausweis musste er zum Fotografen. Der sagte viermal, gerade in die Kamera, und Menzel drehte viermal weg, jedes Mal ein wenig weniger, bis der Fotograf einfach auslöste. Auf dem Bild ist er frontal, beide Hälften gleich hell, das Licht kommt von vorn und von nirgendwo sonst. Er hat es angenommen, weil Ausweisfotos schlecht sein dürfen.
Am Freitag darauf saßen zwei Leute vor dem Spiegel und redeten miteinander, im Gegenlicht, und man sah nur ihre Köpfe. Menzel wartete, bis sie weitergingen. Dann rückte er den Hocker eine Handbreit nach links, bis das Rote wieder auf der richtigen Wange lag, und bestellte.
Ende · „Der dritte Hocker" rot links, blau rechts