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Küchenfenster · Kugelkopf · Fernauslöser

Mondgesicht

„SörenMondgesicht"

Fotografie des fast vollen Mondes vor schwarzem Himmel; die Scheibe steht links unten im Bild und ist warm orangebraun gefärbt, mit dunkleren graubraunen Flecken auf der oberen und rechten Hälfte, der übrige Bildteil ist schwarz.
„SörenMondgesicht"

Das Stativ steht seit Jahren an derselben Stelle vor dem Küchenfenster. Die drei Füße stehen auf drei Kreuzen aus Klebeband. Die Kreuze sind einmal erneuert worden, weil das erste Band beim Wischen mitging; vorher hat er die Umrisse mit Bleistift auf die Fliesen gezeichnet, damit nichts verrutscht.

Eingerichtet hat er das in einer Nacht, in der alles zusammenkam: klare Luft, kein Dunst über den Dächern, der Mond fast voll und tief genug, dass er unten links im Ausschnitt saß und der Rest schwarz blieb. Er hat den Ausschnitt gefunden, das Stativ abgeklebt, den Auslöser eingesteckt und ausgelöst. Das Bild war gut.

Seither geht der Mond jeden Tag ungefähr fünfzig Minuten später auf und steht jedes Mal woanders. Meistens ist er überhaupt nicht im Ausschnitt. Man könnte das Stativ drehen; es hat einen Kugelkopf, das dauert vier Sekunden. Er dreht es nicht. Er wartet, bis der Mond wieder dorthin kommt, wo er beim ersten Mal war, und das dauert im günstigsten Fall knapp einen Monat, meistens länger, weil dann Wolken sind.

In der Zwischenzeit prüft er. Er stellt sich ans Fenster, sieht hinaus, rechnet kurz und legt sich wieder hin. Über der Stuhllehne hängt eine Wolldecke, für die Nächte, in denen es knapp wird.

Seine Schwester hat gesagt, er solle die Kamera einfach schwenken. Er hat ihr das mit dem Klebeband erklärt. Sie hat gesagt, Klebeband kann man abziehen. Danach haben sie über etwas anderes geredet.

Der Ordner ist groß. Die Bilder darin sind einander sehr ähnlich: die Scheibe links unten, orange bis braun, weil die Luft über den Dächern nie ganz sauber ist, die dunklen Flecken oben rechts auf der Scheibe, und daneben zwei Drittel Schwarz. Er sieht sie manchmal durch und findet, dass eines schärfer ist als die anderen; beim nächsten Durchsehen ist es ein anderes.

Heute stimmt es wieder. Er stellt sich hin, sieht durch, korrigiert nichts, weil es nichts zu korrigieren gibt, wartet, bis der Rand der Scheibe die Kante berührt, an der er ihn haben will, und drückt. Der Verschluss klappt zweimal.

Auf dem Schirm ist es dasselbe Bild. Er zieht den Akku, weil der sonst über Nacht leer wird, hängt die Decke zurück über die Lehne und geht schlafen. Das Klebeband bleibt, wo es ist.

Ende · „SörenMondgesicht"

Das Fenster bleibt gekippt, die Kreuze bleiben auf den Fliesen. Was danach kommt, kommt ohne Stativ aus und ist jedes Mal dasselbe.