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Ostfenster · Spalt zwei Finger breit

Sonnenstrahl

„sonnenstrahlammorgen“

Digital gemaltes Gesicht in Nahaufnahme, an allen Rändern angeschnitten: die eine Gesichtshälfte liegt in Grün und Türkis, die andere Seite und der Hintergrund in kräftigem Rot, links daneben eine weiße Fläche, in den Ecken schwarze Flächen; das eine Auge ist weit offen mit heller Iris, das andere liegt dunkel im Schatten, die Lippen sind rosa und türkis, alle Übergänge sind weich gemalt.
„sonnenstrahlammorgen“

Der Wecker liegt in der Nachttischschublade, die Batterie daneben, seit vier Jahren. Geweckt wird sie von einem Streifen Licht, der durch den Spalt zwischen den Vorhängen kommt. Der Spalt ist zwei Finger breit und mit einer Wäscheklammer geklemmt, damit er nachts nicht zufällt.

Das Fenster geht nach Osten über einen Hof. Der Streifen tritt hoch ein, steht zuerst auf der Leiste über dem Schrank und läuft von dort in etwa vier Minuten abwärts, über die Tapete, über die Stuhllehne, über das Kopfkissen. Trifft er das Gesicht, wacht sie auf, bevor sie es merkt.

Das Problem ist die Erdachse. Der Punkt, an dem die Sonne über dem Nachbardach herauskommt, wandert übers Jahr am Horizont entlang, jeden Tag ein Stück, und mit ihm wandert der Streifen durch das Zimmer. Zwei, drei Wochen lang liegt er richtig. Danach geht er daneben und läuft in die Ecke, in der nichts steht.

Unter den vier Bettbeinen kleben Filzgleiter. Auf den Dielen stehen Bleistiftstriche, für jedes Bein einer, und daneben immer der nächste. Am Sonntag schiebt sie das Bett um zwei bis vier Zentimeter, im Frühjahr in die eine Richtung, im Herbst wieder zurück. Das Bett hat auf diese Weise einen flachen Bogen durch das Zimmer beschrieben. Die Striche hat sie nie weggewischt, man kann die Jahre abzählen wie Ringe.

An der Wand gegenüber lehnt eine Schranktür mit Spiegel, die sie nie aufgehängt hat. In den ersten Sekunden sieht sie sich darin. Die eine Hälfte des Gesichts liegt in dem Licht, das durch den roten Vorhangstoff kommt und alles rot macht; die andere liegt noch im Schatten und ist von dem kalten Grün, das der Hof um diese Zeit hergibt. Ein Auge offen, das andere im Dunkeln. Ringsum ist das Zimmer schwarz. Das dauert ungefähr eine halbe Minute, dann ist es überall gleich hell und sie steht auf.

Im Dezember steht die Sonne zu weit südlich und kommt zu spät. In diesen Wochen läuft um sechs das Radio. Sie nennt das eine Übergangslösung. Es ist die vierte.

Gestern hat sie vier Zentimeter geschoben, das war zu viel: Der Streifen lag am Ohr. Sie hat zwei zurückgenommen und sich wieder hingelegt, um es zu prüfen. Prüfen kann sie es erst morgen.

Ende · die Klammer bleibt am Vorhang