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Strich

„Ein Strich.“

Federzeichnung in schwarzer Tinte auf weißem Papier, die aus einer einzigen durchgehenden Linie zu bestehen scheint: waagerechte Wellenbänder füllen fast das ganze Blatt; links oben schwebt ein Heißluftballon mit einem sternförmigen Muster in der Hülle über einem kleinen Korb; in der Mitte steht eine große Scheibe mit Strahlen, in der eine Figur mit Gesicht, einem Punktauge und weit ausgestreckten Armen sitzt; darüber eine Blüte auf einem Stiel, oben rechts der Ausschnitt eines großen Speichenrades; rechts ein Baum mit runder Krone, darunter schmale Zypressen und Gräser; unten ein Fisch, ein Kopf mit Strahlenkranz und eine kleine hockende Gestalt neben einer Gabel; in die Wellen links unten ist der Schriftzug „Ein Strich.“ eingeschrieben.
„Ein Strich.“

Der Vorsatz war klein und wurde an einem Sonntagvormittag am Küchentisch gefasst, zwischen der zweiten Tasse und dem Abwasch, den er nicht machte.

Die Feder wird nicht abgesetzt. Ein Stift, ein Blatt, kein zweiter Ansatz. Der Ersatzstift darf danebenliegen, aber nicht benutzt werden, denn Wechseln ist Absetzen.

Er fing links unten mit Wasser an, weil Wasser verzeiht. Eine Welle verlangt nichts: waagerecht hinaus, oben herum, waagerecht zurück, ein Band über das andere. Nach einer halben Stunde war die untere Hälfte des Blattes ein Gewässer, und was er da eigentlich hergestellt hatte, war kein Wasser, sondern ein Wegenetz. Über die Wellen kommt die Linie überallhin, ohne dass jemand nachweisen kann, dass sie unterwegs war.

Den Ballon holte er sich nach oben links. Er zog die Linie zwischen zwei Wellenbändern hinauf, legte die Hülle an, füllte sie mit den Nähten eines Sterns, hängte den Korb darunter und fuhr an der anderen Seite wieder ins Wasser hinunter. Der Ballon steht schief. Das lässt sich nicht mehr ändern, und das ist der Vorteil des Verfahrens: Es gibt keine Korrektur, es gibt nur weiter.

In der Mitte wollte er ein Rad. Beim Schließen des Rings kreuzte die Linie sich selbst, und in der Kreuzung lag ein Auge. Ein Auge, das allein liegenbleibt, ist ein Fehler. Ein Auge mit Nase darunter ist eine Absicht. Also gab er ihm eine Nase, einen schmalen Mund, zwei Arme, die weggestreckt sind, und ringsum Strahlen, damit das Ganze eine Sonne wird und niemand fragt, wer da mit ausgebreiteten Armen in der Mitte sitzt.

Rechts wurde es dann Landschaft, weil rechts noch Platz war: ein Baum mit runder Krone, darunter Zypressen, davor Gräser, die ihn eine Viertelstunde kosteten, weil jeder Halm auf demselben Weg wieder herunter musste, auf dem er hinaufgegangen war. Oben rechts passte nur noch ein Viertel eines großen Rades aufs Blatt. Unten im Wasser stehen ein Fisch, ein Kopf mit Strahlenkranz und eine kleine hockende Gestalt neben einer Gabel; über die Gestalt hat er später nichts sagen können.

Zwischendurch klingelte zweimal das Telefon. Rangehen ist Absetzen. Der Kaffee wurde kalt, der Daumen taub, der Ellenbogen ruhte auf der Tischkante und die Hand fuhr weiter, und in den Kehren wiederholte sich dieselbe Bewegung in immer kleineren Kringeln, unten rechts so klein, dass sie ineinanderliefen.

Den Titel schrieb er in eine Lücke zwischen zwei Wellenbändern, in Schreibschrift, weil Schreibschrift die einzige Schrift ist, die man ohne Absetzen bekommt. Der Punkt hinter dem Wort ist kein Punkt, sondern eine winzige Schlaufe. Einen Punkt kann man nicht setzen, ohne abzusetzen.

Solange die Linie läuft, ist das Blatt nicht fertig, und was nicht fertig ist, kann noch nicht misslungen sein. Er hat das nie so gesagt. Er hat nur gemerkt, dass ihm an diesem Vormittag nichts weh tat, was ihm sonst weh tut, und dass die Sache sich nicht abschließen ließ, solange er nur langsam genug wurde.

Unten rechts war irgendwann kein Papier mehr. Er schob das Blatt nach links, legte das nächste mit der Kante daran und zog hinüber.

Ende · das zweite Blatt liegt an