Zum Inhalt

Kiste

Ein Wort auf dem Deckel, in Ihrer Handschrift. Sie können es lesen. Es hilft nicht.

Das Klebeband ist an der Kante schon spröde und löst sich in kleinen gelben Stücken, die aussehen wie abgeplatzter Lack. Aufgeschnitten wurde es nie. Vier Umzüge: jedes Mal getragen, jedes Mal in den Wagen, jedes Mal wieder nach unten.

Niemand hat je gefragt, was drin ist, und Sie haben nie nachgesehen, weil Nachsehen bedeutet hätte, danach zu entscheiden. Der Trick ist gut, und er ist Ihnen nie bewusst gewesen: Eine ungeöffnete Kiste ist keine Ansammlung von Gegenständen. Sie ist ein einziger. Man trägt sie als ein Ding.

Schneiden Sie das Band auf, zerfällt sie in dreißig Einzelfälle, und jeder Einzelfall verlangt eine Antwort. Deshalb steht sie noch hier. Deshalb wird sie bei den nächsten zwei Umzügen dabei sein. Wenn Aufschieben lange genug dauert, heißt es nicht mehr Aufschieben. Dann heißt es Besitz.

Große dunkle Lacktruhe mit gewölbtem Deckel: auf Deckel und Front sind in hellem Perlmutt Figuren in Landschaften eingelegt, ringsum sitzen dicht Nagelköpfe, vorn liegt ein schwerer Metallverschluss, seitlich hängt ein Ringgriff.
zuVon außen ist sie ein Gegenstand, und Gegenstände trägt man. Jemand hat sie so aufwendig verziert, dass niemand mehr fragt, was drin ist.
Hölzerne Truhe mit verblasster blau-gelber Bemalung und Hieroglyphenbändern; der abgenommene Deckel schwebt auf dünnen Stützen darüber, im Inneren stehen zwei kleine Gefäße mit Köpfen.
aufVon innen ist sie eine Aufzählung. Zwei Posten sind hier schon zu viel.

Auf dem Deckel liegt eine Schicht Staub, die dicker ist als das Band. Sie könnten jetzt schneiden. Sie könnten es auch aufgeben und stattdessen ein Wort betrachten, das Sie sehr oft gesagt und noch nie gemeint haben.

zwölf kilo vielleicht