Ehrenpreis für Stadtforschung · Saal 2 · Beginn 19 Uhr
Preis
Bronze und Glas, 1,4 Kilo, vier Filzgleiter unter dem Sockel.
Angefangen hatte es mit einer Frage, die niemand gestellt hatte: wie viele öffentliche Brunnen die Stadt besaß. Das Amt nannte ihm eine Zahl, die Zahl stimmte nicht, und damit war die Sache entschieden. Elf Jahre lang fuhr er samstags mit dem Rad hinaus, mit Zollstock, Notizbuch und einer Kamera, deren Riemen er zweimal geflickt hatte. Er maß Beckenränder, notierte Zulauf, Wasserstand, Zustand der Fugen. Abends trug er ein, was er gemessen hatte, an einem Tisch unter der Hängelampe. Wenn jemand fragte, wie weit er sei, sagte er: noch nicht fertig. Er meinte damit: es geht weiter.
Dann war es fertig. Sechshundertvierzig Seiten, ein Register, achtzig Tafeln, im Anhang eine Übersicht der zugeschütteten Brunnen mit Grundriss. Er brachte zwei Kisten in die Bibliothek und stellte fest, dass der Tisch unter der Lampe seither anders aussah. Zwei Jahre später kam der Brief. Ehrenpreis, hieß es, Verleihung am Donnerstag, Rückmeldung erbeten, Begleitperson möglich.
Der Saal hatte Klappstühle und eine Anlage, die pfiff, wenn man dem Mikrofon zu nahe kam. Die Laudatio dauerte neun Minuten und betonte seinen Namen zweimal falsch, was ihn weniger störte als die Behauptung, er habe eine Lücke geschlossen. Dann bekam er den Gegenstand in die Hand gedrückt: Bronze auf einem Sockel aus Glas, schwerer, als er aussah. Was er darstellte, ließ sich nicht ermitteln. Eine Flamme, ein Blatt, vielleicht Wasser. Die Urkunde schwieg dazu. Der Beifall dauerte elf Sekunden; er hatte mitgezählt, aus Gewohnheit.
Der Fotograf stellte ihn vor den Vorhang, ließ ihn den Gegenstand auf Brusthöhe halten und sagte viermal, er solle ihn etwas höher nehmen, sonst sehe man ihn nicht. Vierzehn Aufnahmen. Gedruckt wurde die, auf der er blinzelt. Die Bildunterschrift nannte das Verzeichnis ein Lebenswerk, was insofern falsch war, als es sich um elf Jahre handelte und er dreiundfünfzig ist.
Danach gab es Sekt in Gläsern mit abschraubbarem Fuß. Drei Leute sagten, sie hätten ihn schon immer etwas fragen wollen, und fragten dann etwas anderes. Um Viertel nach zehn saß er im Taxi und hatte den Gurt um den Gegenstand gelegt, weil der bei der ersten Kurve gegen die Tür gerutscht war.
Zu Hause begann das eigentliche Problem. Das Regal war voll, die Fensterbank nahm Licht weg, auf dem Sideboard lag das Ladegerät. Er stellte ihn auf die Kommode im Flur, wo er beim Hereinkommen dagegenstieß, und trug ihn dann nach oben auf das Bücherregal, wo man ihn vom Sessel aus nicht ansehen musste. Um halb eins stand er noch einmal auf und drehte ihn um zwanzig Grad, damit die Kante zur Wand zeigte. Dort blieb er schließlich stehen, und auf dem Glassockel sammelte sich in den folgenden Monaten Staub, den niemand wegwischte, weil dazu jemand auf einen Stuhl hätte steigen müssen.
Am nächsten Morgen war er um zwanzig vor sechs wach, wie immer. Er machte Kaffee und setzte sich an den Tisch unter der Lampe. Der Tisch war abgewischt, der Radiergummi weggeräumt, das Lineal in der Schublade. Er saß zwanzig Minuten. Dann holte er ein leeres Blatt, schrieb oben in Druckbuchstaben „Treppen, öffentlich, mit Geländer" und darunter die erste Zeile: Bahnhofstraße, Aufgang Nord, vierzehn Stufen, Handlauf rechts, Rost am unteren Ende. Am Samstag suchte er den Zollstock. Er lag im Korb am Rad, wo er hingehörte.
Höhe 24 cmGewicht 1,4 kg Beifall 11 sStandort Regal, oben