Drei Wochen · September · niedriges Wasser
ReiseEin Vorhaben, mehrfach überarbeitet
Die Reise sollte drei Wochen dauern und im September stattfinden, weil im September die Flüsse niedrig stehen und die Herbergen leer sind. So weit war die Sache schon im Januar entschieden, und er hat sie seitdem nie wieder in Frage gestellt, sondern nur verbessert.
Er kaufte die Blätter einzeln, im Maßstab 1:50 000, elf Stück, und zog sie auf Leinen auf, weil aufgezogene Karten an den Falzen nicht reißen. Elf Blatt sind ein Meter achtzig. Er rollte sie und stellte die Rolle neben den Schrank, wo sie steht und leicht nach rechts hängt.
Vierzehn Kilometer am Tag ist eine Zahl, die jeder nennt, aber sie gilt nur auf ebenem Boden. Er rechnete die Höhenmeter dazu, nach einer Regel aus einem alten Buch, und überprüfte die Regel an zwei Wochenenden im Hügelland hinter der Stadt. Die Regel stimmte nicht. Er stellte eine eigene auf, mit einem Zuschlag für nassen Fels und einem Abschlag für die ersten zwei Stunden nach dem Frühstück. Sie war besser. Sie ist nachweislich besser, und niemand außer ihm hat je etwas davon gehabt.
Am achtzehnten Tag hätte er die Insel erreicht, auf der die Karte nichts verzeichnet als drei Bäume und die Angabe, dass sie bei Hochwasser verschwindet.
Küchenwaage, grammgenau. Der Kocher 214, die Kanne 90, der Löffel 11. Ein Löffel aus Titan wäre 6 gewesen und hätte das Vierfache gekostet; er kaufte ihn und war mit sich zufrieden. Der Reis für einen Tag, abgewogen, in Beutel gefüllt, einundzwanzig Beutel, jeder mit Datum beschriftet und in einer Kiste im Flur.
Eingelaufen hat er sie im Treppenhaus. Vier Stockwerke, abends, mit gepacktem Rucksack, das fehlende Gewicht durch Wasserflaschen ersetzt. Sechzehn Runden sind ungefähr ein Anstieg zur Passhöhe. Die Nachbarin aus dem zweiten grüßte irgendwann nicht mehr, sondern nickte nur noch, wie man einem Handwerker zunickt, der im Haus zu tun hat.
Das waren die besten Abende. Es ist wichtig, das nicht misszuverstehen: Er war nicht ersatzweise glücklich, nicht tapfer glücklich, nicht glücklich anstelle von etwas. Er saß am Tisch, die Lampe tief, das Ringbuch offen, Klarsichthüllen, Bleistift mit Radiergummi, Fahrpläne, die Wetteraufzeichnungen von dreißig Jahren für den zweiten und den dritten September — und war es einfach. Nachts ging er die Etappen im Kopf durch, von hinten nach vorn, und schlief dabei ein; das ist die einzige Art von Traum, die sich planen lässt.
Am Abend vor der Abfahrt stand der Rucksack gepackt in der Diele, und er setzte sich noch einmal hin, um Blatt sieben durchzusehen, wie man ein Werkzeug vor dem Gebrauch noch einmal in die Hand nimmt. Dabei fand er das Tal. Es lag zwei Talschlüsse weiter westlich, war zwei Tage länger, hatte keinen einzigen Straßenkilometer und führte über den Grat am Vormittag statt am Nachmittag, also im richtigen Licht. Es war in jeder Hinsicht die bessere Strecke. Sie brauchte vier Wochen. Der Urlaub war für drei bewilligt.
Er saß eine Weile da. Dann trug er den Rucksack in die Kammer, stellte ihn hin, ohne ihn auszupacken, und machte sich Tee.
Wer die Reise später macht, macht sie besser. Ein Jahr sind zwölf Monate, das sind, wenn man sich nicht jeden Abend nimmt, etwa fünfzig Abende, an denen an einem Plan gearbeitet werden kann; das ist mehr, als in die erste Fassung geflossen ist, und die erste Fassung war schon gut. Die Stiefel sind an den Fersen inzwischen dünn. Er hat neue bestellt, ein Modell mit steiferer Sohle. Die alten waren ohnehin vierzig Gramm zu schwer.
Dann nahm er ein neues Blatt, schrieb oben Fassung 8, unterstrich es zweimal mit dem Lineal und begann bei der Anreise, weil man immer bei der Anreise beginnt.
Fassung 8Anreise: offenAbreise: offen