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Seil

fünfzig Meter · zwei Enden · ein Missverständnis

Ein Seil zieht Sie nirgendwohin. Es nimmt Ihnen kein Gewicht ab, es macht keinen Schritt leichter, und den ganzen Tag über tut es exakt nichts. Es ist ausgelegt für eine einzige Sekunde, von der niemand weiß, ob sie kommt.

Am anderen Ende steht ein Mensch, dessen Aufgabe darin besteht, stehen zu bleiben. Das ist die unterschätzteste Tätigkeit im Gebirge. Er kommt in keinem Bericht vor, er wird nicht fotografiert, und ohne ihn ist der ganze Aufstieg eine Behauptung.

Wer angeseilt geht, tauscht das eigene Risiko gegen ein gemeinsames.
Das ist kein Rabatt. Das ist eine andere Währung.

Was Sie halten kann, hält Sie nur, wenn es irgendwo befestigt ist. Das Seil allein ist ein Strick. Erst die Sicherung macht daraus einen Sinn, und die sitzt immer an einer Stelle, die man selbst nicht sieht.

Und am Ende hängt alles an einer Hand, die im entscheidenden Moment nicht überlegt, sondern zugreift oder eben nicht. Über diese Frage wird sehr viel geredet, immer abends, immer unten, immer im Basislager, wo sie nichts kostet.

Schwarzweißfotografie: ein Bündel grob gedrehter, an den Enden ausgefranster Seile liegt aufgerollt und ineinandergelegt auf hellem Grund.
So sieht es aus, wenn es nichts hält: ein Haufen. Neunundneunzig Prozent seiner Laufbahn verbringt es so.
Kohlelithografie: eine Frau in dunklem Trikot steht vor einem senkrechten Mast, einen Arm erhoben, die andere Hand am Mast; unter ihr ein Gerüst mit schräg gespannten Seilen und einer herabhängenden Schlaufe.
Hier hält es. Das Publikum sieht nach oben und übersieht dabei die Verankerung, die den ganzen Auftritt trägt.
Bleistiftstudie auf getöntem Papier: mehrere Hände und Unterarme über das Blatt verteilt, ein Paar flach aneinandergelegt, eine Hand offen nach oben, eine weitere um einen Arm geschlossen.
Vier Fassungen derselben Hand, und keine davon ist die, die im Ernstfall kommt. Geübt wird trotzdem.

Bruchlast geprüft · Vertrauen nicht prüfbar