Seil
fünfzig Meter · zwei Enden · ein Missverständnis
Ein Seil zieht Sie nirgendwohin. Es nimmt Ihnen kein Gewicht ab, es macht keinen Schritt leichter, und den ganzen Tag über tut es exakt nichts. Es ist ausgelegt für eine einzige Sekunde, von der niemand weiß, ob sie kommt.
Am anderen Ende steht ein Mensch, dessen Aufgabe darin besteht, stehen zu bleiben. Das ist die unterschätzteste Tätigkeit im Gebirge. Er kommt in keinem Bericht vor, er wird nicht fotografiert, und ohne ihn ist der ganze Aufstieg eine Behauptung.
Wer angeseilt geht, tauscht das eigene Risiko gegen ein gemeinsames.
Das ist kein Rabatt. Das ist eine andere Währung.
Was Sie halten kann, hält Sie nur, wenn es irgendwo befestigt ist. Das Seil allein ist ein Strick. Erst die Sicherung macht daraus einen Sinn, und die sitzt immer an einer Stelle, die man selbst nicht sieht.
Und am Ende hängt alles an einer Hand, die im entscheidenden Moment nicht überlegt, sondern zugreift oder eben nicht. Über diese Frage wird sehr viel geredet, immer abends, immer unten, immer im Basislager, wo sie nichts kostet.
Bruchlast geprüft · Vertrauen nicht prüfbar