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Stimme

nicht Ihre, aber zuständig

Lesen Sie diesen Satz still. Sie hören dabei etwas. Es hat eine Tonhöhe, ein Tempo, eine leichte Ungeduld an den Kommas — und Sie halten es für Ihre eigene Stimme, weil es in Ihrem Kopf sitzt und keine Miete zahlt.

Prüfen Sie kurz nach. Die Betonung auf dem zweiten Wort. Das winzige Zögern vor Fremdwörtern. Das trockene Absetzen am Satzende, als hätte man etwas bewiesen. Nichts davon haben Sie erfunden. Sie haben es übernommen, von einer Lehrerin, einem Onkel, einer Nachbarin, die in einem einzigen Sommer dreimal denselben Satz gesagt hat und dann weggezogen ist.

Kreidezeichnung auf getöntem Papier: der Kopf eines bärtigen Mannes im Profil nach links, das Haar kurz gelockt. Hals und Schulter sind nur als Umriss angedeutet.
Betonung auf dem zweiten Wort
Kupferstich: ein alter Mann mit langem Bart im Profil nach links, auf dem Kopf eine weiche flache Mütze, um den Hals mehrere schwere Ketten mit einem Kreuzanhänger. Über dem Bild steht eine gestochene lateinische Zeile.
Zögern vor Fremdwörtern
Blasse Bleistiftzeichnung auf bräunlichem Papier: ein Kopf im Profil nach rechts mit rundem, turbanartigem Kopftuch und einem großen Ringohrring. Die Schultern sind mit wenigen Linien angelegt.
trockenes Absetzen am Ende

Ein Mensch trägt ein halbes Dutzend fremder Stimmen mit sich herum und nennt das Ganze Charakter. Das ist sparsam gedacht. Wer gut genug zugehört hat, muss nie selbst sprechen lernen. Und wer den Text auswendig kann, muss sich nie ändern; er muss ihn nur laut genug aufsagen, damit keine Pause entsteht, in der jemand nachfragen könnte.

An guten Tagen fällt das nicht auf. An schlechten sagt Ihr Mund etwas, und in Ihrem Ohr meldet sich kurz jemand anderes, der schon lange tot ist und trotzdem recht behält. Man kann die Stimme leiser drehen. Ganz aus geht sie nicht; sie wird nur zu etwas Undeutlichem, das man dann für Intuition hält.

Gemälde: ein Mann mit breitkrempigem schwarzem Hut und weißem Kopftuch sitzt auf einer grünen Bank und spielt Gitarre, den Mund zum Singen geöffnet. Er trägt eine dunkle Jacke und graue Hosen; am Boden stehen ein rotbrauner Krug und zwei Zwiebeln.
So sieht jemand aus, der eine eigene Stimme benutzt: er muss sich dafür hinsetzen, ein Instrument halten und den Mund aufmachen. Ihre arbeitet ohne all das.

Am zuverlässigsten arbeitet sie nachts. Sie legen sich hin, Sie hören auf zuzuhören, und der Sprecher spricht einfach weiter — mit demselben Tonfall, denselben zwei Sätzen, und ohne die geringste Absicht, jemals zum Punkt zu kommen.