Lesen Sie diesen Satz still. Sie hören dabei etwas. Es hat eine Tonhöhe, ein Tempo, eine leichte Ungeduld an den Kommas — und Sie halten es für Ihre eigene Stimme, weil es in Ihrem Kopf sitzt und keine Miete zahlt.
Prüfen Sie kurz nach. Die Betonung auf dem zweiten Wort. Das winzige Zögern vor Fremdwörtern. Das trockene Absetzen am Satzende, als hätte man etwas bewiesen. Nichts davon haben Sie erfunden. Sie haben es übernommen, von einer Lehrerin, einem Onkel, einer Nachbarin, die in einem einzigen Sommer dreimal denselben Satz gesagt hat und dann weggezogen ist.
Ein Mensch trägt ein halbes Dutzend fremder Stimmen mit sich herum und nennt das Ganze Charakter. Das ist sparsam gedacht. Wer gut genug zugehört hat, muss nie selbst sprechen lernen. Und wer den Text auswendig kann, muss sich nie ändern; er muss ihn nur laut genug aufsagen, damit keine Pause entsteht, in der jemand nachfragen könnte.
An guten Tagen fällt das nicht auf. An schlechten sagt Ihr Mund etwas, und in Ihrem Ohr meldet sich kurz jemand anderes, der schon lange tot ist und trotzdem recht behält. Man kann die Stimme leiser drehen. Ganz aus geht sie nicht; sie wird nur zu etwas Undeutlichem, das man dann für Intuition hält.
Am zuverlässigsten arbeitet sie nachts. Sie legen sich hin, Sie hören auf zuzuhören, und der Sprecher spricht einfach weiter — mit demselben Tonfall, denselben zwei Sätzen, und ohne die geringste Absicht, jemals zum Punkt zu kommen.