Warten
Warten gilt als Nichtstun. Wer wartet, wird gefragt, was er gerade macht, und antwortet wahrheitsgemäß: nichts. Damit ist die anstrengendste Tätigkeit des Tages aus der Buchführung verschwunden.
Denn Warten kostet: Man hält den Körper bereit, man darf nichts anfangen, was länger dauert als die erwartete Restzeit, man prüft alle zwei Minuten eine Anzeige, die sich nicht verändert hat. Das ist Arbeit im physikalisch strengsten Sinn — Kraft wird aufgewendet, Weg wird keiner zurückgelegt.
Wir bitten um Ihr Verständnis. Der Grund für die Wartezeit ist bekannt und wird nicht genannt, weil er Sie betrifft.
Der große Vorteil: Solange man wartet, ist man entschuldigt. Man steht nicht herum, man ist in Bereitschaft. Es ist die einzige Form der Untätigkeit, für die man ein Ticket vorzeigen kann.
Auf der Tafel steht neben jedem Vorhaben eine Verspätung, und über allem hängt eine Ansage, die niemand versteht, aber alle beruhigt. Der Zug kommt bald, sagt sie, und das Wort ist lang genug, dass man sich hinsetzen kann.