Bestand · unbestimmt · vollständig
Zweck
Der Gegenstand ist aus Messing und eine Spanne lang. In der Mitte sitzt ein Gelenk, an dem einen Ende eine flache, vorn abgerundete Zunge, am anderen ein Gewinde, in das nichts passt, was im Haus vorhanden wäre. Über dem Gelenk steht ein gerändeltes Rad mit einundvierzig Zähnen. Er wiegt mehr, als er aussieht. Er liegt in einer Kiste aus dunklem Holz, ausgeschlagen mit grünem Filz, und der Filz hat eine Mulde, die genau passt — woraus sich schließen lässt, dass ihn jemand mindestens zweimal hineingelegt hat.
Erste Hand
Der erste, von dem etwas bekannt ist, war ein Schlosser. Er hatte den Gegenstand mit einer Kiste Kegelbohrer bei der Auflösung einer Werkstatt ersteigert und ging davon aus, dass die zugehörige Maschine sich noch anfinden würde. Bis dahin lag er rechts neben dem Schraubstock. Der Schlosser ölte das Gelenk einmal im Jahr, im Herbst, mit einem Tropfen Nähmaschinenöl, weil man Gelenke ölt. Die Maschine fand sich nicht. Wenn er die Bank abräumte, legte er ihn hinterher an dieselbe Stelle zurück, und zwar so genau, dass sich im Öl auf dem Holz mit den Jahren ein Umriss abzeichnete.
Zweite Hand
Die Tochter konnte damit nichts anfangen, aber die Kiste gefiel ihr. Sie stellte sie ins Regal zwischen die Kochbücher. Besucher nahmen den Gegenstand heraus, drehten ihn, hielten ihn verkehrt herum und fragten. Sie sagte: das weiß niemand. Sie mochte die zwei Sekunden Stille danach. Nach einer Weile putzte sie ihn, bevor Besuch kam, und später auch dann, wenn keiner kam. Sie war es, die den Zettel schrieb und unter den Deckel legte.
Kein Wasser. Gelenk im Herbst. Rad nie ganz herumdrehen.
Die letzte Zeile erfand sie aus Vorsicht gegenüber einer Mechanik, die sie nicht verstand. Sie hat das Rad nie ganz herumgedreht, und niemand nach ihr hat es getan.
Dritte Hand
Der nächste war ein Neffe, der die Wohnung räumte und vieles wegwarf, den Zettel aber fand und sich daran hielt, denn ein Zettel in fremder Handschrift ist eine Anweisung. Er zählte die Zähne des Rades, zweimal, mit einem Bleistiftstrich als Anfangsmarke, und teilte fortan mit, es seien einundvierzig, eine Primzahl, was nach Kenntnis klang. Er ergänzte den Zettel um eine Zeile: Wildleder, kein Tuch mit Naht. Er kaufte eine kleine Dose Politur, die für Messing gedacht war und für sonst nichts, und legte die ersten Sonntage im Monat dafür fest. An diesen Sonntagen setzte er sich mit dem Gegenstand ans Fenster, zerlegte ihn so weit er sich zerlegen ließ, was nicht weit war, und setzte ihn wieder zusammen. Der Staub in den Rändelrillen war die eigentliche Arbeit; dafür gehörte eine ausgediente Zahnbürste zum Bestand.
Vierte Hand
Die Frau, die die Kiste zuletzt bekam, war praktisch veranlagt und brachte den Gegenstand zu einem Mann, der Werkzeuge sammelt und Auskunft gibt. Der Mann drehte ihn zweimal, hielt ihn gegen das Fenster, freute sich vier Sekunden lang und sagte, das sei kein Gerät. Das sei eine Übung. Jemand habe daran zeigen wollen, dass er ein Gewinde schneiden, ein Gelenk feilen und ein Rad teilen kann. Das Gewinde passe deshalb nirgendwo hinein, weil es nirgendwo hineinpassen solle. Die Zunge sei keine Zunge, sondern eine Fläche, an der man die Politur beurteilt.
Sie bedankte sich, wickelte den Gegenstand in das Wildleder, fuhr nach Hause und legte ihn in die Mulde. Dann las sie den Zettel von oben durch, alle drei Handschriften, und setzte ihre eigene darunter, in Druckbuchstaben, damit es der nächste leichter hat: erste Sonntage, Wildleder, Zahnbürste für die Rillen. Was der Mann gesagt hatte, schrieb sie nicht dazu.
Sie stellte die Kiste zurück ins Regal, mit dem Rücken zum Fenster, damit das Messing nicht anläuft, und den Zettel obenauf, damit man ihn zuerst sieht. Bis zum ersten Sonntag sind es noch elf Tage; so lange bleibt der Deckel zu.